
Broadcast – „The Noise Made By People“ (Warp Records)
Da zum Jahreswechsel traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick in die Vergangenheit zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2025 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „The Noise Made By People“ von Broadcast, das in diesem Jahr 25 Jahre alt geworden ist.
Wenige Adjektive werden so oft so unpassend verwendet wie „lynchian“, oder „lynchesk“. Dieser auf der filmischen Handschrift von Regisseur David Lynch basierende Stempel wird gerne für allerlei surreal wirkende Kunstwerke benutzt. Oder für eine traumartige und verwaschene Ästhetik. Gerade im sogenannten Dreampop wird dieses Wort inflationär herumgeschleudert, in Richtung von Bands, die mit betont seltsamem Look, bis zur Elf hochgedrehtem Spring-Reverb und Nebelmaschine die „Twin-Peaks“-Ästhetik verfolgen. Doch die Essenz des Lynch-Zaubers sind nicht nur rückwärts sprechende Weirdos und verhallte Gitarren-Akkorde. Sondern das neugierige Erforschen des Unterbewusstseins. Klänge und Bilder, die man noch nie gesehen oder gehört hat, einem aber sofort bekannt vorkommen. Die in natürlicher Form niemals zusammen auftauchen würden aber in dieser spezifischen Kombination eine tiefere Wahrheit enthüllen.
Vorhang auf für Broadcast und ihr Debütalbum „The Noise Made By People“, das vielleicht einzig wirklich lyncheske Pop-Album. Die britische Band um Sängerin Trish Keenan und Bassist James Cargill schuf mit ihrer ersten LP nicht nur ein Meisterwerk des Dreampop, sondern der traumartigen Musik. Es handelt sich hier um intuitive Pop-Musik, zusammengebastelt aus esoterischen 60er-Jahre-Referenzen, obskuren Samples, analogen Orgeln und einer beörenden Stimme. Die mit ihrem omnipräsenten Flirren, Rauschen und Klackern das Unterbewusstsein so zum Vibrieren bringt, wie es sonst nur Lynch-Filme können.
Das Unterbewusstsein zum Vibrieren bringen
Broadcast veröffentlichten nach ihrer Gründung 1995 einige beachtenswerte Singles, die ihnen einen Vertrag mit dem sonst für frickelige IDM-Beats bekannten Label Warp Records einbrachten. 1998 begannen Keenan und Cargill, sowie die damaligen Bandmitglieder Roj Stevens, Tim Felton und Steve Perkins, mit den Arbeiten für ihr Debütalbum. Drei verschiedene Produzenten wurden ausprobiert, um ihre collagenartige Vision in LP-Länge zu realisieren. Ohne wirklichen Erfolg. Am Ende vertrauten sie ihrer Intuition – und produzierten selbst.
Und diese Intuition zahlte sich aus. Auch 25 Jahre später klingt „The Noise Made By People“ immer noch wie wenig andere Musik dieser Welt. Keenans mühelos, nur mit minimalem Vibrato durch die vielschichtigen Arrangements schwebende Stimme erinnert vielleicht noch an Stereolab, aber das war’s dann auch schon. Songs wie der von einem erhabenen Piano-Riff getragene Opener „Long Was The Year“ oder „Come On Let’s Go“ sind wunderbare Pop-Songs, deren zauberhafte Atmosphäre von nervös flirrenden Streichern, Orgeln oder Synths verklärt werden. Die instrumentale Interlude „Minus One“ klingt so, als wäre sie für den Soundtrack von Lynchs „Eraserhead“ aufgenommen worden. Die Melodien sind hinreißend, doch alles fühlt sich immer ein bisschen falsch an. Als könnte man jeden Moment aufwachen.
Veröffentlichung: 20. März 2000
Label: Warp Records
