Khruangbin – „Mordechai“ (Rezension)

Cover des Albums „Mordechai“ von Khruangbin

Khruangbin – „Mordechai“ (Dead Oceans)

6,9

Das Sample, die musikalische Anleihe, die Reminiszenz auf Vergangenes als kuratierendes Element verkommt dank allumfänglicher Verfügbarkeit der Musik immer mehr zu billigem Modeschmuck. Das US-Trio Khruangbin ist das Phänomen einer Zeit in der Vintage, Vinyl und Vibe schöne Schlagworte der eigenen Profilierung sind, für die sich dank Algorithmen aber niemand mehr Mühe geben muss. Geschätzt von Leuten, die sich nach ihrem Hostelhopping durch Osteuropa wie Perlentaucher*innen vorkommen, weil sie im angeranzten Prager Plattenladen einen echten Goldschatz gehoben haben. Oder eben rein zufällig in einer Lo-Fi-Playlist gefunden von jenen, die keine Lust haben, in staubigen Plastikkisten zu wühlen.

Der Erfolg von Khruangbins positiv-psychedelischen Songs leitet sich daraus ab, dass sie Musikfans mit intellektuellem Entdeckerdrang ebenso anspricht wie jene, denen es reicht, ihren Exotismus zu zelebrieren. Khruangbin setzen mit „Mordechai“ ihre liebevolle Reise durch Kontinente und Stile fort. Diesmal weniger wild zusammengewürfelter Kassettenfetisch als noch auf den vorigen Alben, spielen sie mehr denn je ihren eigenen Groove. Wunderschön detailverliebt – doch leider nicht besonders originell.

Feedbackschleifen über Waldpfade

Dabei startet der Trip mit „First Class“ vielversprechend. Ein alles dominierender Dub-Bass motorisiert die Rikscha, die in Feedbackschleifen über Waldpfade tuckert. Egal ob Thai- und Latin-Funk, Oriental Rock oder westlich geprägter Rhythm & Blues durch das Blätterdach geistern – ein Gefühl endloser Wärme umwogt „Mordechai“. Die vielen Musikstile, die Khruangbin zwar wieder mit großer Leidenschaft von den Originalen abmalen, wirken mehr wie Einblendungen. „So We Won’t Forget“ holt den Funk der Prä-Disco-Ära hervor, „Dearest Alfred“ mischt etwas Soul unter. Oder „Pelota“, ein Song der das Gefühl lateinamerikanischer Bars so lebhaft transportiert, als würde man mittendrin sitzen, aber doch beliebig wirkt wie der Soundtrack einer TV-Reportage.

Laura Lee, Mark Speer und Donald Ray „DJ“ Johnson Jr. legen diesmal auch mehr Fokus auf eigene Texte. Wobei es schwierig ist, die Geschichten in diesem weiten Raum aus Echokammern, der Stimmen und Klänge prallen und hallen lässt, zu greifen. Am ehesten klappt das Storytelling noch mit „Dearest Alfred“, auf dem Laura Lee von Distanz singt. Doch nirgends dringt ihr Gesang wirklich in den Vordergrund, sondern schwebt mehr wie ein Choral umher.

Das Album bezieht sich auf so viel Material, das als Klassiker gilt, ohne selbst das Potenzial zu besitzen, selbst mal in einem Kanon zu landen. „Mordechai“ ist leicht vergangener Genuss, ohne Affektiertheit aber leider auch ohne Ambition.

Veröffentlichung: 26. Juni 2020
Label: Dead Oceans

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Ben
    Jul 1, 2020 Reply

    Hey Byte.fm,
    Musik ist sicher immer Geschmackssache. Mir gefällt das Album sehr gut, genauso wie die vorherigen. Verwundert bin ich darüber, dass einem der m. E. besten Tracks (‚Time‘) der Platte in der Renzension keinerlei Beachtung geschenkt wird.
    Und die ‚Crate digger‘ vs. ‚Algorithmus-Hörer*innen‘-Diskussion sehe ich eher als ein generelles Thema heutiger Musikkultur an. Finde das deshalb im Kontext einer einzelnen Band/Plattenrezension kaum aussagekräftig, wobei sich mir gleichzeitig auch die Frage stellt, ob diese bloße Gegenüberstellung der beiden Konsumformen nicht eh zu kurz greift.
    Viele Grüße, Ben

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