Neue Platten: CocoRosie – "Tales Of A GrassWidow"

CocoRosie - Tales Of A GrassWidow (City Slang)CocoRosie – „Tales Of A GrassWidow“ (City Slang)

9,0

Die zwei Schwestern Sierra und Bianca Casady, besser bekannt als CocoRosie, veröffentlichen drei Jahre nach ihrem letzten Album „Grey Oceans“ ihren mittlerweile fünften Longplayer. „Tales Of A GrassWidow“ – übersetzt „Fabeln einer grünen Witwe“ – nennt sich das Album. Und ebenso fabelhaft und fantasievoll klingt die Scheibe beim ersten Hören.

Die Klangwelten, in die CocoRosie ihre Hörerinnen und Hörer mitnehmen, sind wahrlich schwer in die vorgefertigten Genregrenzen zu pressen. Doch das ist auch überhaupt nicht gewollt. Ebenso wie ihre Musik, wollen sich auch Sierra und Bianca nicht in vorgeformte Muster und Rollenbilder stecken lassen. Das Ergebnis dieser Freiheit zeigt sich in der Extravaganz dieser zwei Menschen, genauso wie in der musikalischen Vielfalt ihres neuen Albums.

Jedes der Lieder ist ein Angebot, oder gar eine Aufforderung, in die Welt einzutauchen, wie die zwei Schwestern sie wahrnehmen. Bei einigen der Songs will man bereits nach wenigen Klängen in die Arme der beiden springen und sich blindlings auf die Reise einlassen. „Tears For Animals“ ist einer davon. Neben dem düsteren, aber dennoch irgendwie optimisitsch stimmenden Dubstep-Sound, dem sanften Glockenspiel und der kindlich-zarten Stimme von Bianca, ist es hauptsächlich den Worten von Antony Hegarty, der wiederholt fragt: „Do You Have Love For Human Kind?“, zu verdanken, dass sich das Soundgemisch im Kopf festsetzt.

Bei anderen Stücken hingegen kann es durchaus sein, dass man die Schwestern beim ersten Mal an sich vorbeifahren lässt. Es muss schon eine gewisse Bereitschaft an den Tag gelegt werden, um sich auf diese eigenwillige Exkursion einzulassen. Viele der Titel entfalten ihre ganze Wirkungskraft erst nach dem wiederholten Hören, oder gar erst in Momenten, in denen die Musik schon in weiter Ferne zu sein scheint.

Der Track „Child Bride“ entfaltet hierbei eine ganz besondere Magie, die sich von Mal zu Mal weiter verstärkt. Der Titel des Stückes, gepaart mit den finster groovenden Trommeln kreiert für den Kopf die Misere einer orientalischen Zwangsheirat, in der sich ein kleines Mädchen gefangen sieht. Im Hintergrund erklingt Sierras opernhafte Stimme, die einen Engelschor assoziieren lässt, und somit der Thematik eine gewisse Spiritualität einverleibt.

Dass die Lieder von CocoRosie einen gewissen politischen Touch haben, zeigt sich auch in „End Of Time“, in dem das Konsumverhalten unserer Gesellschaft thematisiert wird. Diese Gesellschaftskritik bringen die zwei Schwestern ebenso durch ihren als „eigen“ zu bezeichnenden Kleidungsstil und ihr Engagement für „Future Feminism“ zum Ausdruck. Erklärtes Ziel dieses neuen Feminismus sei es, „to free society and protect the planet from the corrosive effects of patriarchal belief systems“, wie sie es selbst zusammenfassen. In ihren Songs schwingt diese geistige „Befreiung“ oft ganz subtil im Subtext mit.

CocoRosie sind sicherlich keines der nullachtfünfzehn Indie-Folk-Duos, die überall aus dem Boden schießen. Vielmehr sind es zwei Menschen, denen es gelingt, ihre eigene Geschichte und ihre Gefühle in Klangwerke zu packen, die einen auf ganz verschiedenen Ebenen treffen und berühren können. Die Musik ist nicht einfach, obwohl sie oft den Anschein hat. Sie ist vielschichtig, extravagant, zuweilen wirr und doch klar wie eine geputzte Fensterscheibe.

Das neue Album „Tales Of A GrassWidow“ führt die Linie von CocoRosie fort, sich selbst zu verwirklichen und sich durch die eigene Musik auszudrücken. Wer sich darauf einlässt, dem wird es schwerfallen, von dieser Platte unbeeinflusst zu bleiben.

Label: City Slang | Kaufen

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