„What’s that face?“ Ein Interview mit Noel Gallagher

Noel Gallagher packt aus (Matthes Köppinghoff/ByteFM)

Wie würde es werden? Diese Frage kursierte mir wochenlang im Kopf herum. Noel Gallagher sollte nach Köln kommen um sein erstes Solo-Album zu promoten, und dabei einige wenige Interviews geben – eines mir. Das Problem: Ich selbst bin riesiger Oasis-Fan und Noel Gallagher ist der Held meiner Jugend. Die Angst, vom großen Zampano enttäuscht zu werden, war daher sehr groß.

Am 14. September war er da, der große Tag. Zweieinhalb Stunden zu früh stehe ich im Hotel Excelsior Ernst, ein nobler Kasten gegenüber vom Kölner Dom. Hier soll ich also Noel treffen. Ich nehme im edlen Foyer Platz, versuche mir noch ein wenig die Zeit mit einem Buch zu vertreiben, doch nach vier Wörtern lege ich das Buch wieder weg. Lieber nochmal die Interviewfragen durchblättern. Jetzt steuert eine junge Frau auf mich zu, nach einem kurzen Plausch stellt sich raus, dass sie ebenfalls Journalistin ist, von einem Magazin aus München. Gemeinsam finden wir den Kontaktmann und die Britin Pat, die für Noel verantwortlich scheint. Pat führt uns nach oben, in die Suite 224.

In der Suite stehen eine Couchecke und ein Tisch mit mehreren Stühlen darum. Die junge Frau vom Magazin nimmt auf der Couch Platz, ich setze mich an den Tisch und breite meinen Kram aus. Pat verschwindet. Es vergehen keine fünf Minuten, da höre ich eine Stimme, die mir stark bekannt vorkommt. Zum Beispiel aus „Don’t Look Back In Anger“. Oh Gott.

Don’t look back in anger? Gallagher mit einer Oasis-Platte (Matthes Köppinghoff/ByteFM)

Ein Mann biegt um die Ecke. „Hi, what’s your name?,“ meint er zur Journalistin, guckt kritisch, aber das ist man irgendwie von ihm gewohnt und kommt einem vertraut vor. Jetzt bin ich dran, stehe auf und gebe Noel Gallagher die Hand. Noel ist knapp einen halben, wenn nicht einen ganzen Kopf kleiner als ich, erstaunlich alt wirkt er. „Hi, nice to meet you.“ Ich stammle eine ähnliche Phrase und wahrscheinlich irgendwelchen Unsinn. Ich nehme wieder am Tisch Platz. Noel fragt, „what is he doing?“, bemerkt einen Laptop auf dem Tisch, der nicht mir gehört, nickt, meint „checking emails“; er, der gerade mal einen Computer besitzt, aber auch erst seit Kurzem. Die Magazin-Frau legt los, arbeitet ihre Fragen ab, Noel antwortet zu allem möglichen, oft zu Oasis. Er grinst häufig, trinkt seinen Cappuccino, ich meine Kanne Kaffee. Ob ihm Drogen beim Songschreiben geholfen hätten, fragt ihn die Journalistin. „No“, antwortet er. „Still drink, still smoke.“ Party mache er immer noch, nur Drogen gäb‘ nicht mehr, da wäre schon mit 31 Schluss gewesen. Er ist jetzt 45, die Kinder und so. Sein aktueller Lieblingssong von Oasis? „Supersonic.“ Irgendwann kommen natürlich die Bruderfragen, bei der er heute zum ersten Mal aufseufzt. „You have just one page, right?“

Was er an seinem Bruder Liam möge: „I like his sense of selfbelieve“. Noel scheint gut aufgelegt, witzelt über seine Angestellten (angeblich zu 99% weiblich, Pat sei die schlimmste), zählt die „craziest Fans” auf („England, Italy, Japan. And Germany of course.“). Irgendwie bin ich, trotz der zwei Meter Entfernung zum Interview, Teil des Gesprächs. Als ihn die junge Frau fragt, was man vor 30 alles gemacht haben sollte, antwortet Noel: „Children.“ Ich muss dabei wohl merklich zusammengezuckt sein und das Gesicht verzogen haben, denn plötzlich hebt Noel eine Augenbraue, zeigt auf mich: „What’s that face?“ Er grinst, ergänzt: „How old are you?“ Ich muss lachen. Weiter geht’s mit den beiden: Afraid of age? „No.“ Wofür gibt er seine viele Kohle aus? Urlaub, Frau, Familie. Den berühmten Rolls Royce und einige seiner anderen vielen Autos hat er anscheinend verkauft; liegt daran, dass er eh keinen Führerschein besitzt. „I prefer the chauffeur.“ Anscheinend hat Noel doch keinen PC: „Emails and fuckin‘ shit like that.“ Ein guter Pub? Wenn die Leute „calm and quite“ sind, Musik in Pubs hasst er übrigens. Tipp gegen Kater? „One more drink. A BIG pint of Guinness.“ Weitere Themen sind sein Friseur (er kennt den Typen und muss nichts bezahlen), Kochen („I can, but I don’t“) und ähnliches Zeug. Das Interview mit der Dame vom Magazin nähert sich dem Ende, ich entscheide mich gleich mal, den Raum zu verlassen, schnell noch eine Zigarette rauchen und nochmal durchatmen, bevor ich endlich mein eigenes Interview führen darf.

Es ist soweit. Ich gehe rein, Noel gibt gerade einem Radiokollegen ein paar Autogramme, dann gibt’s noch ein Foto mit dem Smartphone. Ich grapsche derweil nach meinen drei Taschen und bereite mich vor. Natürlich vergesse ich, den Radiokollegen auf meinen Edding hinzuweisen, den ich ihm kurz vorher geliehen hatte. Das Aufnahmegerät läuft. Ein wenig verkrampft sitze ich da, die Lockerheit von gerade eben scheint verflogen, mein Arm, von dem aus das Mikrophon zu Noel hin und zu mir zurückwandert, zittert leicht. So ein Mist. Ich kann aber nicht zuordnen, ob das an meiner Sitzposition in dem tiefen Sofa liegt oder an meinem Fantum. Egal. Noel sitzt im Sessel links von mir und grinst.

Für das Interview habe ich 20 Minuten Zeit. 20 Minuten können sehr kurz sein, wenn man viele Fragen hat – oder sehr lang. Tatsächlich komme ich mit meinen Fragen wesentlich schneller als geplant durch, was auch daran liegt, das Herr Gallagher sehr routiniert oder intuitiv und damit verhältnismäßig kurz antwortet. Ohne ihn nach Oasis zu fragen, kommt er irgendwann von selbst darauf. Ja, die Entscheidung hätte er bereut, damals so hastig ausgestiegen zu sein, war nicht seine cleverste Idee. Aber jetzt hat er ja was Neues. Ob es überhaupt noch Sachen gibt, die er erreichen kann und will, frage ich. Nö, meint er. Er hätte bereits alles erreicht, außer einem Nummer-Eins-Album in den USA, aber das wird wohl nix mehr. Und die Songs auf dem Album? „Fucking incredible.“ Dieses Grinsen.

Teil 3 des Fotoromans (Matthes Köppinghoff/ByteFM)

Der Mann, der neben mir sitzt, hat offensichtlich keine Angst. Es scheint so, als würde es nichts geben, das ihn aus der Fassung bringen könnte. Von seiner Erscheinung her wirkt er ein bisschen wie Mr. Bean, nur wesentlich besser gekleidet und milliardenfach cooler. Die Augenbrauen sind immer noch imposant; zwar keine „Monobrow“ mehr wie in alten Manchester-Zeiten, aber immer noch mächtig. Aus dem Mojo Magazine habe ich ein Zitat von Noel mitgebracht: „Fuck Blade Runner. Blade Runner is Radiohead. Star Wars is Oasis.“ Was ist seine Lieblingsfigur im Film? „Darth Vader. Really dark. Or the Emperor.“ Sowas mag er anscheinend, auch wenn ich mir nicht wirklich sicher bin, ob er mich nicht als totalen Kasper betrachtet. Die letzte Frage. „Oh, I skip that. It’s a bad question“, meine ich noch, aber er will anscheinend Konfrontation. „Ask the fucking question. Ask me the bad ones.“ Na gut – sein Lieblingssong von Beady Eye? Ein Überlegen, dann „The Roller”. Wusste ich es doch. Weiter geht’s mit meiner Station ID.

„Champagne Supernova, is that the Song?“ Nee nee, eine eigene Sendung. „Ouh. Wow.“ Wir kommen zu den Fotos und zum Signieren. Jetzt vermisse ich den Edding, renne wie ein Wiesel durch Suite 224, auf der Suche nach etwas, womit Noel meine Vinyl „Definitely Maybe“ signieren kann. Pat hat, Gott sei Dank, immerhin einen Stift. Ich ziehe das erste Album von Oasis hervor, ebenfalls eine Bootleg-Schallplatte. „What’s that?“ Das Logo kennt er, den Schriftzug vor dem verwaschenen Union Jack, das hat er designt. Nur die Platte ist ihm fremd, in aller Breite begutachtet er sie. „Pat,“ fragt er in den Raum, sie kommt angedackelt, während er weiterhin prüft und guckt, die ganze Platte auseinander nimmt, werden wahrscheinlich schon gedanklich Anwälte losgehetzt. Ein Problem? Nö nö, meinen die beiden, Pat nimmt die Platte mit und fotografiert sie ausführlich. Noel widmet sich meiner „Definitely Maybe“, ich knipse drauf los. Wir werfen noch einen Blick auf das Cover, ein kurzes Gespräch über die Gitarre, die er damals, 1994, gehalten hat. Pat ist wieder da, sodass wir jetzt ein gemeinsames Foto machen können. Noel lehnt sich neben mich, ich gucke (wie immer in wichtigen Momenten) herrlich dumm aus der Wäsche.

Das Bild mit dem Idol (Matthes Köppinghoff/ByteFM)

Ich bin überpünktlich fertig, hätte durchaus noch mehrere Fragen stellen können. Aber Noel hat anscheinend sowieso Hunger, auf der Speisekarte sucht er nach dem Club Sandwich. Er läuft durch die Suite, die Hände in den Taschen vergraben, seine Antworten werden immer kürzer. Als sein Handy klingelt, ignoriert er es gekonnt, bis er irgendwann anfängt wie wild darauf herum zu drücken. Ich frage doch noch. Kein Iphone? „I hate Iphones.“ Ich erzähle kurz von seiner offiziellen Iphone-App, er fragt bei Pat nach und freut sich. Sein Imperium funktioniert.

Ich schnappe meine drei Taschen, danke nochmal für das Interview. Ein letztes Mal Shakehands, bye, und raus. Der Kontaktmann kommt mir strahlend entgegen, erstaunt darüber, dass ich so pünktlich fertig bin, wir verabschieden uns schnell und freundlich, denn er hat bereits ein Kamerateam im Rücken. Ich verlasse das Hotel, die Sonne scheint. Ich setze meine Sonnenbrille auf und zünde mir im gleichen Zug eine Zigarette an. Großartig.

Das ausführliche Interview gibt es in Champagne Supernova am 30.09.2011 um 17 Uhr – bei ByteFM.

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