Jens Friebe – „Wir sind schön“ (Rezension)

Cover des Albums „Wir sind schön“ von Jens Friebe.

Jens Friebe – „Wir sind schön“ (Staatsakt)

7,7

„Kund*innen, die sich für Jens Friebe interessierten, mochten häufig auch“ … Ja hm, was wohl? Bei dieser Einordnung dürften Algorithmen ihre Probleme bekommen. Der Wahl-Berliner Jens Friebe hat sich nämlich über die bald 20 Jahre seiner Solokarriere einen äußerst eigenständigen musikalischen Kosmos eingerichtet. Dieser Kosmos erstreckt sich von Hamburger-Schule-Indie-Rock über Cabaret-Anleihen und Synthpop bis hin zu ausladenden Songwriter-Balladen. Manchmal auch alles gleichzeitig. Das macht Friebes Sound und Songwriting ziemlich unverwechselbar. Hat ihm aber mutmaßlich auch einen Platz im Underground fernab von kommerziellen Erfolgen zugewiesen. Auch auf seinem siebten Album „Wir sind schön“ bleibt er seinem musikalischen Grundkonzept treu, kleine Veränderungen zeichnen sich aber trotzdem ab.

So gibt es beispielsweise keine durchgängig englischsprachigen Songs mehr. Auch die Gitarre, die schon auf den letzten Alben in den Hintergrund gerückt war, ist jetzt praktisch nicht mehr vorhanden. Dafür ist der Sound auf „Wir sind schön“ umso elektronischer. Programmierte Beats, Synthesizer und das für ein Jens-Friebe-Album obligatorische Klavier dominieren und machen das Album zu einer der zugänglichsten Platten im Schaffen des Musikers. Weder gibt es allzu exzentrische Intermezzi wie Kinderkeyboard-Exzesse oder Elf-Minuten-Songs, wie es auf früheren Platten der Fall war. Das macht es leichter, sich auf das Album einzulassen, das auch so reichlich Stoff bietet, der verarbeitet werden will.

Microdosing, Polyamorie & Klassenunterschiede

Ein antinihilistisches Album, das in gesellschaftlich finsteren Zeiten entstanden ist, soll es laut Friebe sein. Und sanft hoffnungsvoll, ohne dabei verklärt zu sein, ist auch tatsächlich der Ton der Platte. Dass aus hoffnungsvoll nicht pathetisch wird und umgekehrt, dass aus leicht ironisch nicht zynisch-fatalistisch wird, schafft Jens Friebe durch allerlei Widerhaken und Doppelbödigkeiten in seinen Songs. Das passiert nicht nur auf lyrischer Ebene: Der Titeltrack ist zum Beispiel textlich eine Ode an den Aufbruch, die beschwört, dass die Katastrophe abgewendet werden kann, die Gesellschaft sich so wandelt, dass alles irgendwie doch noch gut werden kann. Das begleitende Klavier klingt dabei allerdings deutlich zögerlicher und melancholischer. So ergibt sich ein inhaltlich und emotional vielschichtiger Song.

Überhaupt ist es eine große Stärke von Jens Friebe, politisch bzw. gesellschaftlich relevante Themen zu behandeln, ohne dabei allzu plakativ zu werden. Selbst wenn er über Szenephänomene wie Microdosing oder Polyamorie textet, klingt er nie wie ein singender Twitter-Thread, sondern schafft es, die Themen poetisch einzubetten. Das gelingt besonders schön in „Am Ende aller Feiern“, das aus der bemerkenswerten Perspektive eines Liebhabers der Braut während ihrer Hochzeit mit einer anderen Person erzählt wird. Das könnte vom Setting entweder ein sehr trauriges oder sehr klamaukiges Stück sein. Bei Jens Friebe wird daraus aber eine Tragikomödie – und das in weniger als drei Minuten. Noch so eine Qualität: Er schafft es, mit wenigen Worten komplexe Geschichten zu erzählen. Dafür ist der direkt auf „Am Ende aller Feiern“ folgende Song „Die schrumpfende Stadt“ ebenfalls ein gutes Beispiel. Hier wird episodenhaft auf eine Jugendfreundschaft zurückgeblickt und fast beiläufig Klassenunterschiede erwähnt, die letztendlich zum Wendepunkt der Geschichte, nämlich zum Bruch der Freundschaft führen.

Etwas eigenartig ist die Songanordnung auf „Wir sind schön“ geraten: Startet das Album gleich mit drei poppigen, refraingeladenen Songs, biegt es in der Mitte zu textlastigen, minimal bis monoton instrumentierten Stücken hin ab. Auch die sehr wörtlich übersetzte Cover-Version von Leonard Cohens Klassiker „First We Take Manhattan“, die in der Mitte der Platte platziert wurde, will nicht so ganz zum Rest passen. Das trübt aber nur minimal den Eindruck eines Albums, das musikalisch und vor allem textlich Ideen im Überfluss bietet und den Spagat zwischen Emotionalität und einer gewissen ironischen Distanz schafft. Vor allem schafft es der Jens Friebe, kritisch ohne destruktiv zu sein, den Blick auf die mitunter sehr düstere Welt nicht zu verschließen, aber sich trotzdem nicht in Hass und Fatalismus zu verfangen, sondern in eine trotzige Aufbruchstimmung zu vermitteln.

Veröffentlichung: 30. September 2022
Label: Staatsakt

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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