
Derya Yıldırım & Grup Şimşek – „Yarın Yoksa“ (Big Crown Records)
8,0
Über zehn Jahre gibt es Derya Yıldırım & Grup Şimşek jetzt schon. 2014 fanden sich Yildirim, Graham Mushnik (Keyboards), Antonin Voyant (Gitarre und Flöte) sowie Schlagzeugerin Greta Eacott zufällig für ein einmaliges Theaterprojekt zusammen. Weil das gemeinsame Musizieren Spaß gemacht hatte, blieb die Band zusammen, in der aktuellen Besetzung nun allerdings mit der Südafrikanerin Helen Wells am Schlagzeug. Bis zur Veröffentlichung der ersten EP „Nem Kaldi“ hat es dann allerdings drei Jahre gedauert, das erste reguläre Album „Kar Yağar“ erschien sogar erst im Jahr 2019. Einmal eingegroovt, hat die Grup Şimşek ihren Veröffentlichungsrhythmus danach deutlich forciert: Es folgten die EP „Dost 1“ und die EP „Dost 2“, die beide auch gemeinsam in Albumform als „Dost 1&2“ veröffentlicht wurden – 2023 haben Yildirim und Keyboarder Graham Mushnik eine bezaubernde Kinderliedersammlung namens „Hey Dostum, Çak!“ herausgebracht.
Wider die kulturelle Eindeutigkeit
So gilt „Yarın Yoksa“ nach herkömmlicher Zählweise erst als drittes reguläres Album der Band. „Make it or break it“ sagte man früher (also vor dem Internet und als Musiker*innen noch in einem festen Angestelltenverhältnis zu ihren Stammbands standen) dazu. Im Zeitalter des ständigen Netzwerkens gilt diese Regel allerdings nicht mehr – über den Entwicklungsstand des Newcomers ist die Grup Şimşek längst hinaus. Das hört man auch der Platte an, die eine große Selbstgewissheit ausstrahlt. Der Klangideenreichtum ist groß und vor allem profund: So sind die beiden französischen Musiker Voyant und vor allem Mushnik in eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Projekte involviert, die oftmals in Richtung von herkunftsspezifisch indifferentem Independent-Global-Pop mit Soul-Schlagseite gehen.
Was diese kompliziert geratenen Sätze beweisen, ist: Die Musik von Derya Yıldırım muss der Alptraum von Anhänger*innen kultureller Eindeutigkeit sein. So belegt sie mit ihrer Musik immer wieder aufs Neue, wie absurd die Vorstellung von hermetisch voneinander abgegrenzten Kulturkreisen heutzutage geworden ist. Beim kulturellen Crossover der Grup Şimşek verschwimmen die Grenzen. Es ist bestimmt nicht falsch zu sagen, dass die Musik von Derya Yıldırım & Grup Şimşek auch die Mission verfolgt, Randmusiken zu mehr Gehör zu verhelfen. Dazu gehört auch, der Bağlama, dem für die türkische Folklore zentralen Saiteninstrument, das die Multiinstrumentalistin Yıldırım auf „Yarın Yoksa“ ausschließlich spielt, Vorrang vor allen anderen Instrumenten zu geben. Yıldırım ist diejenige, die über den kulturellen Background und die entsprechenden Sprachkenntnisse verfügt – das macht sie zur Taktgeberin des Projekts.
Türkische Folklore und Retro-Chic
Gleich das Covermotiv erinnert mit viel Retro-Chic an alte B-Movie-Plakate. Die Grup-Mitglieder finden sich in einem Behältnis wieder, das eine Vase oder eine Träne sein könnte. Passend wäre beides. Der Anadolu-Rock der 60er und 70er, der Elemente aus Surf, Psychedelia oder Soul mit traditioneller Folklore gemixt hat, ist zwar viel, viel später bei Crate Diggern zur heiß gehandelten Ware geworden – in den alten bundesrepublikanischen Zeiten gab es für ihn wenig bis gar keine Öffentlichkeit, und so erging es allen Musikformen, die türkische, italienische oder griechische Gastarbeiter*innen in die Diaspora mitgebracht hatten. Obwohl Derya Yıldırım und andere Künstler*innen wie Altin Gün oder Gaye Su Akyol mittelgroße Hallen mit einem diversen Publikum füllen und auch medial Beachtung finden, was einen deutlichen Unterschied zu früher markiert, stimmt die Wahl-Berlinerin kaum versöhnlich, wie sie auch in Interviews zu verstehen gibt: Das deutsch-türkische Verhältnis bleibt auch bei migrantisierten Menschen in zweiter oder dritter Generation belastet.
Der allgemeine Tenor in Bezug auf die Musik von Derya Yıldırım & Grup Şimşek ist, dass hier Tradition und Moderne miteinander verbunden werden. Das greift zu kurz, denn die verwendeten Modernisierungsmaßnahmen sind popkulturgeschichtlich gesehen selbst alle ziemlich alt. Allenfalls sind es ironiefreie Zeichen eines postmodernen Pastiche, die auf „Yarın Yoksa“ zur Geltung kommen. Das Lied „Hop Bico“ ist eines von drei türkischen Volksliedern auf „Yarın Yoksa“ und basiert auf einem anatolischen Folk-Standard. Yıldırım kennt das Lied durch ihre Großmutter, sie hat es ihr oft vorgesungen. Yıldırım hat es hier nun variiert und von Mushnik durch den spacigen Synthiewolf drehen lassen, den närrischen Charme des Originals aber beibehalten.
Wenn es kein Morgen gibt
Das Verhältnis zur Zukunft ist dagegen ambivalent. „Wenn es kein Morgen gibt“, so die Übersetzung des Albumtitels, klingt nach „No Future“. Oder soll es „Als ob es kein Morgen gäbe“ heißen? Wenn schon auf die Zukunft kein Verlass ist, wird das Hier und Jetzt doppelt relevant. Derya Yıldırım & Grup Şimşek haben „Yarin Yoksa“ in New York bei Leon Michels (El Michels Affair) aufgenommen, einem ausgewiesenen Spezialisten für cinematische und groovige Analog-Produktionen. Die Palette an Synthesizer- oder Gitarreneffekten, mit der Graham Mushnik aufwartet, ist riesig und trägt der Bandbreite an Emotionen, die das Album begleiten, Rechnung. Es ist bemerkenswert, dass Mushnik, der beim wilden Genre-Hopping seiner Solo-Outputs auch mal eine Idee zu viel auf einmal verbrät, sich als Teil der Grup Şimşek stilistisch vielfältig, aber konsistent zeigt. Immer wieder klingen Reminiszenzen an The Doors, Jon Lord („Yakamoz“) oder Rick Wakeman durch, bei soulig-funkigen Songs wie „Cool Hand“ oder „Direne Direne“ denkt man eher an Isaac Hayes. Viele Stücke auf „Yarin Yoksa“ sind einerseits verträumt, melancholisch oder klagend. „Bilemedim Ki“ hat sogar etwas von britisch angehauchtem Ambient-Folk. Kämpferisch ist „Yarın Yoksa“ trotzdem, wie auch die wie immer auch auf Englisch beigelegten Lyrics belegen. Und es ist ein leidenschaftliches Album, das von Herzen kommt und in die Herzen geht.
Veröffentlichung: 14. März 2025
Label: Big Crown Records