Becca Mancari – „Left Hand“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Left Hand“ von Becca Mancari, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Becca Mancari – „Left Hand“ (Captured Tracks)

„Call me, sweetheart, ok?“ Diese Worte spricht die Stimme eines alten Mannes zu Beginn des neuen Albums von Becca Mancari. Es handelt sich hier nicht um irgendeinen Mann, sondern um eine Anrufbeantworter-Nachricht von Mancaris 93-jährigem Großvater. Der Inhalt des Samples ist nicht besonders tiefgründig, ein frei aus dem Leben gegriffener Moment alltäglicher Liebe. Für „Left Hand“, das dritte Album der in Nashville lebenden Künstler*in ist es dennoch ein essenzieller Moment.

2020 steckte Mancari, wie so viele, in einer tiefen Krise. In diesem Jahr wurde die zweite LP „The Greatest Part“ veröffentlicht, eine von der Kritik gefeierte, ebenso kräftige wie eingängige Indie-Folk- und Pop-Platte. Doch eine schwere Krankheit in der Familie, die Corona-Pandemie und das Ausmaß ihrer eigenen, lange Zeit selbst unterschätzten Alkohol-Abhängigkeit warfen schwere Schatten auf diese Zeit. „Ich war eine Beifahrerin meines eigenen Lebens“, beschreibt Mancari diese Zeit rückblickend selbst. Nun, mit dem neuen Album, war es Zeit, wieder die Kontrolle zu übernehmen. Und wie wurde das gemacht? Nicht etwa mit neuen Indie-Folk-Tunes, sondern mit catchy Pop-Attacken. Auf „Left Hand“ verheiratet Mancari nun feinsinniges, reflektiertes Songwriting mit queeren Party-Bangern.

Berührende Banger

Das Thema „selbst Kontrolle ergreifen“ zeigt sich schon im Entstehungsprozess der LP: Es ist die erste, die Mancari selbst produziert hat. Der Sound ist vor allem eins: groß. Vom Folk ist nicht viel übriggeblieben, stattdessen dominieren Synthesizer und Drum-Computer den Klangraum, ergänzt von Streichern, Bläsern und Gesangsharmonien. Und das funktioniert wundervoll: Allein „Over And Over“ ist ein Pop-Glanzstück vom Schlage einer Carly Rae Jepsen, das in einer gerechten Welt der allgemein akzeptierte Sommer-Hit 2023 wäre. Diese Endorphin-Schübe werden mit ruhigeren Stücken ausbalanciert, die eher in Richtung Spoken-Word-Synth-Pop ausschlagen. Und auch hier, in zurückgelehnten Songs wie „Eternity“ zeigt Mancari eine ungeahnte Liebe zum Pop.

Trotz des Alleingangs in Sachen Produktion heißt das nicht, dass keine alten Wegbegleiter*innen auf „Left Hand zu hören sind. Mancaris langjährige Freundin Brittany Howard (beide spielen auch gemeinsam in der Band Bermuda Triangle) singt im Opener „Don’t Even Worry“ die Background-Vocals, während Julien Baker in besagtem Banger „Over And Over“ zu hören ist. Und dann ist da natürlich der Großvater, dessen Voicemail „Homesick Honeybee“ eröffnet. Bei all den glitzernden Pop-Hooks gibt es im Zentrum dieses Albums eine überaus direkte Menschlichkeit, die so gut von diesem Moment eingefangen wird. Keine großen Gesten, kein Melodrama, einfach ein Anruf und die Stimme eines geliebten Menschen. So berührend, wie Pop-Musik nur sein kann.

Veröffentlichung: 25. August 2023
Label: Captured Tracks

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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