Chastity Belt – „Chastity Belt“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Chastity Belt“ von Chastity Belt

Chastity Belt – „Chastity Belt“ (Hardly Art)

Mit uneitlen Songs über Party-Pannen und riesige weibliche Geschlechtsteile haben sich Chastity Belt einen Platz auf der Couch im Herzen eines jeden Slacker-Pop-Fans erspielt. Songtitel wie der Closer ihres nunmehr vierten und selbstbetitelten Albums lassen da unweigerlich Bilder und Klänge im Kopf entstehen. „Pissed Pants“ schreit nach garagiger Abrisshymne, einer weiteren Suff-und-Drang-Geschichte, nacherzählt vom Quartett aus Seattle, Washington. Stattdessen: Midtempo, Mid-90s, Mitternachtsgedanken.

Dass der neblig-feuchte Winter des pazifischen Nordwestens auf dem Vorgängeralbum „I Used To Spend So Much Time Alone“ in die Musik der Freundinnen Julia Shapiro, Lydia Lund, Gretchen Grimm und Annie Truscott sickerte, ist eine Sache. Mit der Dream-Pop-Platte hatten sich Chastity Belt schon ein Stück von ihren turbulenten Anfangstagen emanzipiert. Aber der Auslöser für die neue Nachdenklichkeit, die auf ihrem aktuellen Album vorherrscht, ist ein anderer: die mehrmonatige Zwangspause, die sich die Band nach einer abgebrochenen Europatour auferlege. In selbstgewählter Isolation brütete Julia Shapiro ihr introspektives Solodebüt „Perfect Version“ aus. Und beim Rest der Band wuchs das Bedürfnis, auch im Kollektiv den Blick nach innen zu richten.

Klamme Gefühle und kleine Erkenntnisse

Auf „Split“ etwa erkunden Chastity Belt zu schleppenden Akkorden die eigene Dunkelheit und die Abwehrmechanismen, die einsetzen. Aber da ist Licht in der Dämmerstimmung. Lydia Lund lässt eine Leadmelodie euphorisch im Hintergrund tanzen, bis die Klänge wieder von einem abstürzenden Synth mit in den Abgrund gerissen werden. „Sink to the bottom and you’ll find / You are just another shark.“ Bass und Rhodes-Piano folgen der Prozession. Das flächige Ende des Songs zeigt, dass Chastity Belt durch ihre Produzentin Melina Duerte – die mit ihrem eigenen Projekt Jay Som kürzlich auch ein ByteFM Album der Woche hervorbrachte – ermutigt wurden, ein bisschen am Bandsound zu basteln. Die Bassistin Truscott beschreibt den Prozess ganz unprätentiös als „playing old songs and trying new things on top of it“.

Unaufdringliche Schraubereien, die aber in den richtigen Momenten groß klingen: Die klirrende Gitarre und Shapiros flirrender Gesang in „Half-Hearted“, Harmoniegesänge und klagende Streicher bei „Effort“ und das instrumentale Outro von „Rav-4“. All das zeigt, dass Chastity Belt auch im neunten Jahr ihrer Karriere weiterkommen wollen. Und dann müssen eben Songs über klamme Gefühle und kleine Erkenntnisse her. Dinge, über die man mit den FreundInnen spricht – die BFFs Chastity Belt machen vor, wie das geht.

Veröffentlichung: 20. September 2019
Label: Hardly Art

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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