Jay Som – „Anak Ko“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Anak Ko“ von Jay Som

Jay Som – „Anak Ko“ (Lucky Number)

Wir schreiben den 26. November 2015. Melina Mae Duterte ist ein bisschen angetrunken – schließlich ist es Thanksgiving. Vor ein paar Jahren entschloss sich die US-Amerikanerin mit philippinischen Wurzeln gegen ein Studium an einem Jazz-Konservatorium, um sich aufs Songwriting zu konzentrieren. Neun Songs hatte sie mittlerweile fertig geschrieben und in ihrem Schlafzimmer aufgenommen. Es sind verhuschte Lo-Fi-Tracks, ein bisschen Dream-Pop à la Yo La Tengo, ein bisschen Elliott-Smith-Melancholie, ein bisschen Beach-House-Romantik. Im alkoholschwangeren Übermut fasst sie einen spontanen Entschluss: Sie lädt die Songs einfach mal auf ihre Bandcamp-Seite.

Seit dieser schicksalhaften Thanksgiving-Nacht sind vier Jahre vergangen. Zählt man die eingangs erwähnte Demo-Sammlung mit, dann veröffentlicht Duterte nun bereits ihr drittes Album unter dem Namen Jay Som. Auch „Anak Ko“ – Philippinisch für „Mein Kind“ – wurde von ihr im Alleingang in ihrer Wohnung aufgenommen und produziert. Mittlerweile ist Duterte aber mehr als nur eine von vielen Schlafzimmer-ProduzentInnen des endlosen Bandcamp- und Soundcloud-Kosmos: In den vergangenen Jahren arbeitete sie bereits als Produzentin oder Aufnahmetechnikerin für Acts wie Sasami oder Chastity Belt. Ihre Songs waren größer als das Schlafzimmer, in dem sie aufgenommen wurden – und führten sie mittlerweile als Support-Act von Paramore oder Mitski auf Welttourneen.

Die eigenen Hörerfahrungen verzerren

„Anka Ko“ beweist, dass nicht nur ihre Songs, sondern auch ihr Songwriting-Talent gewachsen ist. Diese neun Stücke haben nichts mit schrammeligem Bedroom-Pop zu tun – es sind professionell produzierte Kaleidoskope, die mitunter die eigenen Hörerfahrungen verzerren.

Im Opener „If You Want It“ lässt die Musikerin vier Melodien gleichzeitig darum buhlen, wer hier am schönsten glänzen kann. „Superbike“ ist ein mehrteiliges Opus, das erst ein dichtes Jangle-Pop-Dickicht aus der The-Go-Betweens-Schule ausbreitet, nur um es am Ende mit einer mächtigen Fuzz-Gitarre einzureißen. In „Nighttime Drive“ erklingen MIDI-Streicher aus der Steckdose so golden wie im schönsten Barock-Pop. Der Titeltrack vereint einen fast schon dubbigen Bass-Lauf mit Ambient-Sounds und Industrial-Noise. In nur vier Jahren hat sich diese Künstlerin in eine wahre Pop-Zauberin entwickelt – man sollte gespannt sein, was in den nächsten vier passieren wird.

Veröffentlichung: 23. August 2019
Label: Lucky Number

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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