Cut Worms – „Cut Worms“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Cut Worms“ von Cut Worms, das unser Album der Woche ist

Cut Worms – „Cut Worms“ (Jagjaguwar)

Bricht man Pop-Musik auf ihre essentiellen Einzelteile runter, wirkt sie wie das einfachste auf der Welt. Ein Intro, sich wiederholende Strophen und Refrains, vielleicht ein Outro. Optional, wenn man ganz verrückt ist, eine Bridge. Oder gar ein Instrumental-Solo. Aus dem mathematisch betrachtet unendlichen Ozean aus Akkordkombinationsmöglichkeiten werden die immer gleichen, bequemen vier oder fünf Reihenfolgen herausgefischt. Und dann braucht es noch einen Text. Irgendwas mit Liebe, Sehnsucht, Nostalgie, Schmerz, Aufbruch oder alles gleichzeitig.

Auch die Songs von Max Clarke folgen genau diesem Schema. Der Singer-Songwriter und Illustrator aus Ohio, der unter dem Namen Cut Worms Musik macht, nennt sich selbst einen „Pop-Essentialisten“. Was das genau bedeutet, führt er nicht aus. Aber seine Kunst erklärt das ganz gut. Seit seinem 2018er Debütalbum „Hollow Ground“ spielt er ein schamlos nostalgisches Retro-Potpourri aus George-Harrison-Vibes, Beach-Boys-Harmonien und der Strahlkraft von The Everly Brothers. Clarkes Musik ist nicht abenteuerlustig, sondern arbeitet akribisch genau nach dem Handbuch der 60er-Jahre-Größen. Pop als Pastiche, als detailliert konstruierter Referenzen-Flickenteppich. Zusammengestrickt aus Musik, die zu ihrer Zeit schon irgendwie Counter Culture war, aber im fortgeschrittenen neuen Jahrtausend recht konservativ klingen kann.

Zwischen Pop-Handwerk und -Zauberei

Dass sie das aber im Jahr 2023 nicht tut, ist das wahre Wunderwerk seines selbstbetitelten neuen Albums. Im Vergleich zum 17 Songs schweren, 2020 veröffentlichten Vorgänger „Nobody Lives Here Anymore“ hat der in Brooklyn lebende Musiker für den Nachfolger alles überschüssige Füllwerk herausgestrichen. Die Songs sind weniger – und vor allem präziser. „Cut Worms“ ist ein kurzer, tighter Nostalgie-Trip, in dem die Grenzen zwischen Pop-Handwerk und -Zauberei verschwimmen.

Clarke hat das Album komplett in Eigenregie aufgenommen, zum Teil nur im eigenen Proberaum und nicht im Studio, nur mit Unterstützung seiner Band und einigen prominenten Freund*innen wie den artverwandten Retro-Nostalgikern The Lemon Twigs. Die LP beginnt mit dem im gemütlichen Tempo ohne Verdeck die Westcoast entlang cruisenden „Don’t Fade Out“ (das, haha, mit einem langen Fade-out endet). Mit dem an den Psych-Folk von The Byrds erinnernden „Take It And Smile“ und der mit gleißend heller Slide-Gitarre glänzenden „Ballad Of The Texas King“ folgen weitere Songs, die allesamt aus bekannten Elementen zusammengesetzt wurden.

Doch an den Schnittstellen, wo Gewohntes aufeinandertrifft, entsteht etwas Besonderes. Wenn soulige Stax-Bläsersätze in „I’ll Never Make It“ auf Psych-Rock-Gitarren treffen. Wenn die perfekte frühe-Beatles-Hommage „Let’s Go Out On The Town“ in die hinreißende Ballade „Living Inside“ übergeht. Oder Clarke in selbiger hochaktuelle Post-Covid-Einsamkeit mit über 60 Jahre alter Songwriting-Tradition besingt. „How could I make you believe in this magic“, fragt er später auf diesem Album. Und hat uns doch schon lange wieder an die pure Magie der Pop-Musik glauben lassen.

Veröffentlichung: 21. Juli 2023
Label: Jagjaguwar

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

Das könnte Dich auch interessieren:



Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.