Betty Davis – „Betty Davis“ (Album der Woche)

Cover des Debütalbums von Betty Davis, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Betty Davis – „Betty Davis“ (Just Sunshine Records)

Da zum Jahreswechsel traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, um zurückzublicken: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2023 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es das selbstbetitelte Debütalbum von Betty Davis, das 50 Jahre alt geworden ist.

In Zeiten von betont lüsternen Superstars wie The Weeknd oder Cardi B kann man durchaus für selbstverständlich halten, wie offen in der Pop-Musik mit Sexualität umgegangen wird. Das war nicht immer so, wie schon in den 60er-Jahren die damals riesige Empörung über extrem harmlose frühe Beatles-Songs zeigte. Selbst deutlich sinnlichere Songs von The Doors oder anderen mussten noch mit Chiffren arbeiten („Come on baby, light my fire“, etc.), um irgendwie im von konservativen Moralvorstellungen kontrollierten Mainstream-Radio eine Chance zu haben. Doch was ist zwischen „I Want To Hold Your Hand“ und „WAP“ passiert? Die Antwort: Betty Davis!

Die Musikerin, Sängerin und Songwriterin wurde am 26. Juli 1944 als Betty Gray Mabry geboren und wuchs mit ihrer Familie in Pennsylvania auf. Als sie ihren Vater den Hüftschwung von Elvis Presley imitieren sah, beschloss sie, Entertainerin zu werden. Im Alter von 16 Jahren zog sie nach New York – eigentlich für ein Studium am Fashion Institute Of Technology, doch sie fand schnell Arbeit als Model. Bevor sie selbst zur Schlüsselfigur der modernen Pop-Musik wurde, lernte sie selbst einige andere Protagonist*innen kennen: Sly Stone und Jimi Hendrix zählten zu ihren engen Freunden. Parallel begann sie ihre eigene musikalische Karriere, noch unter dem Namen Betty Mabry. Zunächst mit mäßigem Erfolg.

Zwischen „I Want To Hold Your Hand“ und „WAP“

Als Songwriterin hatte sie mehr Erfolg: Das von ihr geschriebene „Uptown (To Harlem)“ wurde für das Psych-Soul-Quintett The Chambers Brothers ein Hit. 1968 heiratete sie Jazz-Revolutionär Miles Davis. Seinen Nachnamen behielt sie bis zu ihrem Tod im Februar 2022, obwohl das Paar sich bereits 1969 scheiden ließ. Die turbulente Ehe war trotz ihrer Kürze für den Trompeter extrem bedeutsam. Es war nämlich Betty Davis, die ihm den modernen Psychedelic-Rock von Jimi Hendrix zeigte – und damit mindestens sein 1970er Jazz-Fusion-Meisterwerk „Bitches Brew“ ermöglichte.

Im kommenden Jahrzehnt war es Zeit für Betty Davis’ eigene Meisterwerke. Zu Beginn der Dekade zog sie nach Los Angeles. Eigentlich wollte sie dort mit Carlos Santana an ihrem Debütalbum arbeiten, die Wahl für die Backingband fiel letzten Endes aber auf Teile von Sly & The Family Stone. Das Ergebnis ist „Betty Davis“, eine LP, die verzerrte Psych-Rock-Gitarren mit genussvollen Funk-Grooves verband. Die Songs sind von kräftigen Gitarren-Riffs angetrieben (u. a. gespielt von Journey-Gitarrist Neal Schon), die mächtige Family-Stone-Rhythmusgruppe aus Larry Graham und Greg Errico tut ihr übriges. Das Ergebnis klingt wie der Funk-Rock von Funkadelic, minus Albernheit, plus maximale Sinnlichkeit.

Im Zentrum dieser unverschämten Tightness steht Davis’ Gesang, der mit seiner Präsenz und kontrolliertem Stimmen-Überschlagen auf maximalen Konfrontationskurs geht. Ihre Texte sind explizit körperlich, mit einem gesunden Anteil Aggression. Songs wie „If I’m In Luck I Might Get Picked Up“ oder „Come Take Me“ sind mehr Befehle als Liebeslieder. Und dann ist da der „Anti Love Song“, in dem sie attestiert, was für ein jämmerliches kleines Würstchen ihr ehemaliger Liebhaber doch ist.

Unverschämte Tightness und arme Würstchen

Die überwiegend männerdominierte mediale Berichterstattung kam mit der Energie der Funk-Pionierin zur Zeit der Veröffentlichung nicht so richtig klar. Viele zeitgenössische Rezensionen von Journalisten decken einen breiten Teil des Misogynie-Spektrums ab, zwischen prüder Entrüstung und notgeiler Objektifizierung. Viele Radiostationen weigern sich, ihre Musik zu spielen. Auch bei Konzerten kam es in den USA zu Boykotten. Davon schien Betty Davis ab einem gewissen Punkt genug gehabt zu haben – und wählte einen auf andere Art und Weise radikalen Weg: 1976, ein Jahr nach ihrem dritten Studioalbum „Nasty Gal“, zog sie nach Japan, um dort mit Mönchen zu leben. 1980 starb ihr Vater und Betty Davis kehrte zu ihrer Familie nach Pennsylvania zurück. Sie spielte nie wieder ein Konzert.

Davis mag von da an ein zurückgezogenes Leben geführt haben – der Einfluss ihrer Platten wuchs jedoch ungemein. Ihre Songs wurden zu Kult-Hits, die ganze Generationen von Künstler*innen inspirierten: von R&B-Superstars wie Erykah Badu oder D’Angelo über zeitgenössiche Soul-Revolutionär*innen wie Jamila Woods oder Janelle Monáe bis zu Pop-Gigant*innen wie Beyoncé. Wie es ihr einstiger Ehemann Miles Davis in seiner Autobiografie treffend zusammenfasste: „Wenn Betty heute singen würde, dann wäre sie so wie Madonna oder Prince. Sie war der Anfang von all dem. Sie war ihrer Zeit voraus.“

Veröffentlichung: 1973
Label: Just Sunshine Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Holger Lisy
    Dez 4, 2023 Reply

    Klasse! Betty Davis war die Größte, und der Funk so herrlich dirty.

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