Ghostpoet – „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ (Album der Woche)

Bild des Albumcovers „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ von Ghostpoet

Ghostpoet – „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ (PIAS)

Obaro Ejimiwe alias Ghostpoet muss die dicksten Augenringe des Vereinigten Königreichs haben. Wer sein nunmehr fünftes Album „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ tauft, scheint länger nicht mehr gut geschlafen zu haben. Das könnte mit seinem Faible für die Vertonung albtraumhafter Szenarien zusammenhängen. Oder eben der Realität. An deren ungeschönter Abbildung arbeitet sich der 37-Jährige seit 2011 ab. Besonders eindrucksvoll gelang ihm das 2017 mit „Dark Days + Canapés“ – damals ebenfalls unser ByteFM Album der Woche.

Seitdem sind drei Jahre ins Land gegangen und man kann es Ejimiwe wirklich nicht verübeln, dass er schlecht einschläft. Wie sich das neue Jahrzehnt bisher für ihn anfühlt, macht er im Opener „Breaking Cover“ nachspürbar: Ein monotones, drückendes Bassriff. Rückwärts laufende Sounds. Zuckende Gitarren. Synthtropfen. Geknister. Und ein treibendes Schlagzeug, das alles nach vorne schiebt. „It’s getting kinda complex these days“, murmelt dazu Ejimiwe, als würde er im Mikrofon sitzen. Und heimst mit dieser Aussage den Understatement-des-Jahres-Award ein.

Auf „Humana Second Hand“ wird weiter an der bedrückenden Gegenwartsanalyse geschraubt. Ein manisch zuckendes Streichquartett wird durchs Stereobild getrieben. Im Refrain rutschen dem Cello lange Seufzer raus, und schließlich flüstert Ejimiwe über ein Field Recording: „Carry on / Stay calm / Slogan life / Grab your partner / Grab your children / Stay alive.“ Eine trügerisch-heitere Pianomelodie tänzelt dem Outro entgegen, als hätte sie diesen ernüchternden Ausblick überhört.

Ein Händchen für Soundtexturen und Düster-Grooves

Falls jemand den passenden Track für den nächsten postapokalyptischen Streifen sucht, dem sei „Nowhere To Hide“ ans Herz gelegt. Neben Zeilen wie „Bombs are going off / Bodies in the streets / Panic in the pipes / Screaming fills the air / Its going down tonight“ ackert sich auch das Instrumentarium für die amtliche Horror-Kulisse ab: Eine zitternde Orgel und Gitarren, die zwischen Gejammer und Bauhaus-Noise-Attacken changieren, treiben ein nervöses Piano vor sich her. „This Trainwreck Of A Life“ ist ein Duett mit der französischen Sängerin und Producerin Sarasara, das sich als resignierter Groover mit kristallin schneidenden Gitarren und französischem Spoken-Word-Intro entpuppt.

Trotz aller Desillusionierung wohnt Ejimiwes Vortrag auf „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ eine unheimliche Dringlichkeit inne. Nicht etwa, weil er in ohrenbetäubender Lautstärke drauflos wütet. Sondern weil er seine Beobachtungen mit gefasster, leicht brummender Stimme intoniert. Wie jemand, der um die Wirkung seiner Worte weiß. Garniert mit smarten Arrangements, einem Händchen für Soundtexturen und unwiderstehlichen Düster-Grooves ist es das, was die Musik von Ghostpoet so einnehmend macht.

Veröffentlichung: 1. Mai 2020
Label: PIAS

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

Das könnte Dich auch interessieren:



Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.