Hildegard Knef – „Knef“ (Album der Woche)

Bild des Albumcovers von „Knef“ von Hildegard Knef, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Hildegard Knef – „Knef“ (Decca)

Da zum Jahresende traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick nach hinten zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2020 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „Knef“ von Hildegard Knef, das in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden ist.

Hildegard Knef träumt von der Zukunft. Von Elvira O., im Jahr 2050, oder so. Die von ihr erdachte Figur lebt in einer automatisierten Zeit, in der ihre Arbeit von „zwei Computern“ erledigt wird. Welches Gewerbe gemeint ist, bleibt offen. Sie wünscht sich goldene Jahre zurück, in denen sie „noch ein Ärgernis war“. Jetzt ist Elvira O. einfach nur da. Verbittert und einsam. Wahrscheinlich im 80. Stockwerk eines Hochhauses, das es nicht gibt.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich

Die Knef erzählt diese sozialkritische Dystopie mit den musikalischen Mitteln der goldenen 20er-Jahre. Mit Ragtime-Klavier, Klarinetten-Gedüdel und künstlicher Grammophon-Verzerrung. Es ist das Jahr 1970 – und der Blick der deutschen Sängerin, Songschreiberin und Schauspielerin wendet sich gleichzeitig 50 Jahre in die Vergangenheit und 80 Jahre in die Zukunft. Das Album, auf dem dieser Song erscheint, heißt „Knef“. Es ist – um die zeitlichen Paradoxien noch zu verkomplizieren – das gegenwärtigste Album dieser Künstlerin.

Hildegard Knef, geboren am 28. Dezember 1925 in Ulm, hatte im Jahr 1970 bereits eine einzigartige Laufbahn hinter sich. Mit 14 startete sie ihre Schauspiel-Karriere, erst im Film des nationalsozialistischen Deutschlands, dann auf den Theaterbühnen und den Leinwänden des Nachkriegsdeutschlands. Ein Weg, der sie bis in die USA führen sollte. Am Broadway bekam ihre Stimme zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit – die ihr, wieder zurück in Deutschland, zu einer „zweiten Karriere“ als Chanson-Sängerin verhalf. 1970 war sie durch diese bereits unsterblich, durch Songs wie „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ oder „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“.

Nach diesem Erfolg standen Knef zwei Wege offen: den Chanson-Erfolg weiterverfolgen, in eine Richtung, die unweigerlich zum Schlager führt – oder etwas Neues wagen. Knef und ihr langjähriger Arrangeur und Autorenpartner Hans Hammerschmid wählten letztere Option. „Knef“ beginnt mit einer Fuzz-Gitarre.

Nostalgie aus den Angeln gehoben

„Wieviel Menschen waren glücklich, daß [sic] Du gelebt?“, fragt Knef über das bedrohliche Flirren dieser Gitarre. Die Antwort auf diese existentielle Frage sucht sie über peitschenden Drums und einem knarzenden E-Bass. Für „Knef“ wollten sie und Hammerschmid „etwas von den anderen Dingen aufnehmen, die damals in der Luft lagen“, wie Hammerschmid später in den Liner-Notes schrieb. Sie meinten: Jazz, Pop, Folk und Psychedelic-Rock. Speziell letzterer sticht auf diesem Album besonders hervor: im an den künstlerischen Art-Pop von Scott Walker erinnernden Epos „Friedenskampf und Schadenfreude“. Im verträumt groovenden „Im 80. Stockwerk“. In „Die Herren dieser Welt“, das einem Acid-Trip von Phil Spector entstammt seien könnte.

Ein diese Songs verbindendes Thema ist die Zeit. „Die Sekunden Deiner Wahrheit / Liegen milchig über Brachland der Erinnerung“, heißt eine Antwort auf die titelgebende Frage von „Wieviel Menschen waren glücklich, daß Du gelebt?“. Genau wie Elvira O. erinnert sich auch die Birke in „(Ich brauch‘) Tapetenwechsel“ wehmütig an eine vergangene Zeit zurück. An eine Zeit, in der sie noch keine Kommode war.

Genauso wie sie in „Schwertfisch“ die menschliche Sinnfrage ad absurdum führt („Weil er das Falsche fragt!“), hebt Knef in „Mein Zeitbegriff“ das Konzept der Nostalgie aus den Angeln. Über ein Barock-Pop-Arrangement aus der Burt-Bacharach-Schule beobachtet und analysiert sie den Menschen aus Kleinkindperspektive. „Ihr habt verlernt, Gedanken zu begreifen / Und einen Wunsch ganz einfach zu verstehn / Ihr staunt mich an und lebt nur in Vergleichen / Und wollt Euch selbst in mir noch wiedersehn.“ Worte wie diese haben auch 50 Jahre später nichts von ihrer Brennkraft verloren. Das ist das ultimative Zeit-Paradoxon von „Knef“: Diese die Vergangenheit reflektierende und die Zukunft beschwörende Gegenwartsmusik, die hallt bis heute nach.

Veröffentlichung: Februar 1970
Label: Decca

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

2 Kommentare
  1. posted by
    Gabriele Runge/ Paul von Schell
    Dez 22, 2020 Reply

    Wie wahnsinnig spannend ist denn bitteschön diese Sicht auf das Knef Album. Das beste was ich je gelesen habe. Als unmittelbar dicht, am künstlerischem Erbe lebende und verwaltende Frau, ist es für mich eine längst überfällige Rezension. Danke dafür.

    • posted by
      ByteFM Redaktion
      Dez 23, 2020 Reply

      Liebe Gabriele Runge, vielen Dank für das tolle Kompliment. Das freut unsere Redaktion (und insbesondere den Autor des Textes) sehr! Großartiges Album von einer großartigen Künstlerin. Viele Grüße und alles Gute, die ByteFM-Redaktion.

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