Jessy Lanza – „Love Hallucination“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Love Hallucination“ von Jessy Lanza, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Jessy Lanza – „Love Hallucination“ (Hyperdub)

Angst und Instinkt gehören zu den treibenden Kräften der neuen LP von Jessy Lanza. Eigentlich sind sie sogar die Voraussetzungen dafür, dass die kanadische Elektropop-Produzentin ihr bislang bestes Album „Love Hallucination“ überhaupt machen konnte. Zu ihren Eingebungen gehörte nämlich auch die Entscheidung, stehende Aufträge zu stornieren und ihr eigenes Ding zu machen. Denn eigentlich waren ihre Tracks, aus denen unser Album der Woche entstanden ist, für andere Acts gedacht. Natürlich bringt die Arbeit für andere eine andere Herangehensweise mit sich. So weicht im Idealfall das künstlerische Ego einem zwangloseren Herumprobieren. Solange die Musik passt, muss man sich schließlich nicht wirklich an der eigenen Diskografie messen.

Irgendwann bemerkte Jessy Lanza, dass ihre neuen Stücke nicht nur ziemlich gut geworden waren. Sie hatte auch gerade in der Arbeit für andere eine Schnittstelle zwischen ihrem Werk und ihren emotionalen Abgründen gefunden. Und so folgte sie nach all diesem Verbiegen und Aufbrechen ihres musikalischen Stils ihrem Instinkt, die Tracks für sich selbst umzuschreiben. Das Ausprobieren hatte ihr klangtechnisch, aber auch textlich das Handwerkszeug für neue, persönlichere Ausdrucksformen erschlossen. Als Beispiele nennt die Künstlerin selbst, dass sie zum ersten Mal sowohl explizit über Orgasmen geschrieben und auf einer eigenen Aufnahme Saxofon gespielt hat. Womit sie die Neuerungen zwar pointiert, aber mit laxer Bescheidenheit zusammenfasst. Natürlich ist ihr Album sehr viel deeper, aber beides sind Dinge, die man sich erst einmal trauen muss.

Geteiltes Leid und Ekstase

Manchmal erzählt Lanza mit wenigen Sounds und Worten eine ganze Geschichte. So flankiert in „I Hate Myself“ lediglich ein sporadisches „You’re so cool“ die Titelzeile. Doch das beschwichtigend weich bouncende Instrumental deutet schon an, dass der Selbstzerfleischungsmoment schon überwunden ist. Durch ein heilendes, wohlkingendes Sich-Auskotzen in Songform, sozusagen. Deutlich wortreicher fordert „Marathon“ sexuelle Erfüllung für beide Beteiligten ein. Freundlich, aber sehr bestimmt, wie auch der Prince-Gedächtnisbeat des Songs.

Auf Jessy Lanzas Alben finden sich im Schnitt je zwei Dancefloor-Hits, im vorliegenden Fall an erster und dritter Position. Doch sowohl „Don’t Leave Me Now“ als auch „Limbo“ stecken voller Abgründe und Sehnsüchte. Womit sie nah dran ist an der emotionalen Frühphase der Chicago House Music, die ersteres Stück heraufbeschwört. An einer Szene nämlich, die kollektive Ekstase als verbindende Strategie gegen das Sich-fremd-Fühlen nutzte. In „Don’t Leave Me Now“ schreit Lanza keine Partysignale. Stattdessen lässt sie den Dancefloor teilhaben an der Agoraphobie, an der sie litt, nachdem sie, frisch nach L.A. gezogen, beinahe von einem Auto überrollt worden war. Und so reiben sich selbst in den Dancefloor-Momenten der LP schüchterne Unsicherheit und erwachendes Selbstbewusstsein aneinander. Zwischen der House/Footwork-Nummer „Don’t Leave Me Now“ und dem Synth-Boogie von „Limbo“ hängt ein Song, dessen Club-DNA sich noch in seinem 2-Step-Beat zeigt: „Midnight Ontario“. Doch die mit Jacques Greene koproduzierte Post-Garage-Nummer schildert emotionale Verwirrung, Liebeskummer und Tränen im Auto. Weniger melancholisch-ausgehöhlt und fragmentartig als die Produktionen von Burial vielleicht, aber eher eine postmoderne Ballade als ein Club-Banger.

Trauen und Vertrauen

Das Sich-Trauen und das Sich-und-anderen-Vertrauen sind so konstitutiv für die LP, dass Lanza sie ihren „trust fall“ nennt. Das ist der englische Ausdruck für diese Teambildungsübung, bei der man sich rücklings in die Arme der Umstehenden fallen lässt. Unweigerlich also eine Überwindung, die aber, wenn man nicht gerade von psychopathischen Monstern umgeben ist, eine weiche Landung und einen befreienden Adrenalinstoß nach sich zieht. Eine Überwindung auch, die Lanza zur Form ihres Lebens angespornt hat. Zwar war sie schon 2013 bei ihrem Debütalbum „Pull My Hair Back“ eine vollendete Produzentin, spielt nun aber in einer ganz anderen Songwriting-Liga. Denn nur eine große Künstlerin kann ein so diverses Album derart stimmig zusammenschnüren.

Veröffentlichung: 28. Juli 2023
Label: Hyperdub

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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