Masha Qrella – „Woanders“ (Album der Woche)

Bild des Albumcovers von „Woanders“ von Masha Qrella, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Masha Qrella – „Woanders“ (Staatsakt)

Mariana Kurella ist desillusioniert. Von der Musikindustrie und dem untrennbar mit ihr verwobenen Kapitalismus. „Wir sehnen uns nach Utopien, nach Frei- und nach Zwischenräumen. Stattdessen bekommen wir nur noch Verwertbarkeit und Verkaufsstrategien als Antwort“, sagt die Musikerin. Seit über 20 Jahren sucht die 1975 im damaligen Ost-Berlin geborene Künstlerin nach diesen Utopien. Erst mit dem wortlosen Post-Rock ihrer Bands Mina und Contriva, dann in zahlreichen Soloalben unter dem Namen Masha Qrella. Auf diesen sang sie auf Englisch, der Universalsprache der Popmusik. Ihre neueste LP ist ihr erster Langspieler auf Deutsch – und scheint besagte Verkaufsstrategien und Verwertbarkeitsansprüche bewusst zu ignorieren.

Das auf den ersten Blick ungriffigste Element von „Woanders“ sind die Texte: Diese stammen allesamt vom in Feuilleton-Kreisen gefeierten, aber in der Popkultur wenig präsenten Dichter Thomas Brasch. Auch dieser war in seiner Kunst auf der Suche nach Utopien. Der 1945 im englischen Exil geborene Sohn jüdischer Emigrant*innen wuchs in der DDR auf und verbrachte wegen seiner systemkritischen Dramen 77 Tage im Gefängnis. Der von der Stasi als „Feind der DDR“ klassifizierte Dissident emigrierte 1976 in die BRD, wo er bis zu seinem Tod 2001 als freier Autor, Dichter und Regisseur arbeitete. In seinen Werken setzte er sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines zerrissenen Deutschlands auseinander.

Verträumtes Generationentreffen

Qrella umarmt auf ihrem neuen Album „Woanders“ die Zeilen Braschs mit einer Mischung aus kühler Elektronik und warmen Gitarren, ausschweifend den Äther erkundenden Synthesizern und nah am Ohr klebendem Gesang. Sie bringt seine Verse zum Singen. Aus Sätzen wie „Ich besinge die Rinde der Bäume und warte bei Dir“ wird Musik für nachmitternächtliche Stadt-Spaziergänge. Dunkel, wabernd, mysteriös.

Komplettiert wird das Album von den Gastauftritten: Dirk von Lowtzows Bariton schmiegt sich in „Das Meer“ an Qrellas Alt-Stimme. Ja-Panik-Sänger Andreas Spechtl steuert in „Maschinen“ dem Titel angemessenen Roboter-Gesang bei. In „Märchen“ spricht Braschs Schwester Marion (durch deren eigenen Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ Qrella auf Brasch aufmerksam wurde) ein paar Zeilen im Loop. „Woanders“ eine Utopie zu nennen, fühlt sich nicht ganz richtig an. Dafür ist das Album zu introspektiv, zu verträumt. Doch ein faszinierender Zwischenraum, in dem Künstler*innen unterschiedlicher Generationen gemeinsam wunderbare Kunst erschaffen, ist es auf jeden Fall.

Veröffentlichung: 19. Februar 2021
Label: Staatsakt

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Jürgen Naeve
    Feb 26, 2021 Reply

    Masha Qrella – „Woanders“ ganz Eurer Meinung, großartiges Album.
    Habe ich es übersehen, oder kann ich die Kritik nicht bei Twitter hochladen?
    Weiter so und gesund und optimistisch bleiben.

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