
Nadeem Din-Gabisi – „Offshore“ (Moshi Moshi Records)
Wir sehen einen jungen Mann mit Plastik-Krone auf dem Haupt und Spielzeug-Schwert und -Schild in der Hand. Außer diesen extravaganten Accessoires trägt er einen schlichten Trainingsanzug in weiß. Auf dem Rücken steht ein Wort in schmucklosen Lettern: „England“. Es wirkt wie eine Karikatur eines patriotischen Ritters – Symbole des Nationalstolzes, gefertigt aus den billigsten Materialien. Wer ist dieser Mann? Jack Surname George in the Land of Hope and Glory ist sein Name – und er ist der Protagonist von „Offshore“, dem neuen Album von Nadeem Din-Gabisi. Eine Art Alter Ego des Londoner Musikers, Rappers und Dichters, und seine Art, die eigene Ambivalenz zu seinem sogenannten Heimatland zu erforschen. „Offshore“ ist zwar nicht der erste Langspieler des Künstlers – 2022 erschien bereits das Album-Projekt „Pool“ –, aber nach offizieller Lesart das Debütalbum.
„Jack“ liebt und hasst England. Genau wie ein Fußballfan seinen Verein, wie Din-Gabisi erklärt. Er will dieses Land bluten sehen, für all den Verrat ihm und seinen Vorfahren gegenüber. Und er fühlt sich ihm gleichzeitig verbunden, nachdem er und seine Ahn*innen so sehr dafür geblutet haben. Frei nach „England is mine, and it owes me a living“ (The Smiths) geht Din-Gabisi, Sohn sierra-leonischer Eltern, noch einen Schritt weiter: „England is mine, and it owes me a place, plot, land“, sprechsingt er in „B Happy“. Die wehleidigen Worte des gerne mit dem politischen Rechtsaußen flirtenden Morrissey werden in ein postkoloniales Manifest verwandelt.
Postkoloniale Ambivalenzen
Im selben Lied rappt Din-Gabisi über blutrünstige Politiker*innen an der Spitze dieses Landes, die erst glücklich sein werden, wenn alles in Flammen steht. „Offshore“ ist, dem Thema entsprechend, ein überaus gespaltenes Album. Post-Punk-Riffs tanzen mit Afrobeats, elegische Streicher streicheln Grime-Bässe. Wütende Momente wie in „B Happy“ gehen Hand in Hand mit ruhigen, bedachten Songs wie dem zarten R&B-Duett „Shade“ mit der Londoner Sängerin Tara Cunningham. „New Wave“ ist eine federleichte, nun ja, New-Wave-Exkursion, während das finster groovende „Pub Lunch“ (mit Gastgesang von Coby Sey) sehr gut als Aufputsch-Musik für eine anstehende Schlägerei dienen könnte.
In der Ambient und Afro-Pop kombinierenden Ballade „Icey“ feiert Din-Gabisi seine Ahnen, während er in „Enter Claim“ den harten Status quo beschreibt – und mögliche Auswege zeigt: „Won’t die in the concrete / Not my fate got plans for tropics and planting / Far way from capitalist hardening.“ Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Din-Gabisi findet auf „Offshore“ keine einfachen Antworten für die gegenläufigen Impulse seines Protagonisten. Stattdessen zeigt er die Komplexität seiner Ambivalenzen – und findet in jedem Widerspruch Kraft oder Schönheit. Und manchmal beides gleichzeitig.
Veröffentlichung: 1. August 2025
Label: Moshi Moshi Records
