Roxy Music – „For Your Pleasure“ (Album der Woche)

Cover des Albums „For Your Pleasure“ von Roxy Music, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Roxy Music – „For Your Pleasure“ (Island)

Da zum Jahreswechsel traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, um zurückzublicken: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2023 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „For Your Pleasure“ von Roxy Music, das 50 Jahre alt geworden ist.

„There’s a new sensation“, das waren 1973 die ersten Worte, die Bryan Ferry auf dem Album „For Your Pleasure“ seiner Band Roxy Music sang. Die Gruppe selbst war nicht mehr ganz neu – dies war ihre zweite LP –, aber eine Pop-Sensation war sie nichtsdestoweniger. So blieb die Vorgänger-LP aus dem Vorjahr die niedrigste UK-Chartposition der Londoner Band. Besonders am Anfang ihrer Karriere mag der Erfolg der Band durch eine 2023er Brille erstaunlich anmuten. Vielleicht ist es dem Gatekeeping durch eine coole Musikpresse, die ein goldenes Zeitalter erlebte, geschuldet, dass sich solch seltsame Musik dergestalt gut verkaufte. Denn während Roxy Music sich später klanglich dem Mainstream annäherten, waren ihre ersten beiden LPs ziemlich weit draußen.

Nach unserem Album der Woche endete die musikalische Partnerschaft zwischen Bryan und Brian, deren widerstreitende Ideen die frühen Roxy Music prägten. Ersterer, Ferry, war der Sohn eines Landarbeiters, was angesichts seiner überzeugenden aristokratischen Inszenierung überrascht. Sein Streben nach Schönheit und Eleganz zeigte sich schon in seiner Kindheit, als er seinen Zeitungsjungenlohn in Jazz-Zeitschriften investierte. Und natürlich studierte er Kunst. Das tat auch der andere Brian, Eno nämlich, oder zumindest so etwas ähnliches. Erst studierte der Uhrmacherspross Malerei, dann experimentelle Musik. Insofern erscheint für beide der Schritt, eine hippe Art-Pop-Band zu gründen, vollkommen logisch. Nur betraten sie die Bildfläche von entgegengesetzten Seiten. Bei der Größe ihrer Egos war das Spannungsfeld zwischen Schön- und Wildheit nur begrenzt haltbar. So bildet unser Album der Woche einen würdigen Schlusspunkt dieser Ära.

Glam-Rock und Avantgarde

Eine normale Pop-Band waren Roxy Music ganz bestimmt nicht. So beginnt die LP mit dem Stück „Do The Strand“, das ohne instrumentales Vorspiel gleich in medias res geht, indem Ferry mit seiner Zeile von der „neuen Sensation“ einen neuen Tanz anpreist. Freilich ohne irgendwelche Tanzanweisungen zu geben. Nicht, dass der Song mit seinen Kunst- und Film-noir-Referenzen vollkommen untanzbar wäre. Aber er handelt eher von der Idee des Neuen, einem Durst nach Aufregung. Doch nach dieser dürstete die Band nicht nur, sie lieferte es auch. Denn der Album-Opener ist ein Brecher von einem Rocksong, in dem Andy Mackays Saxofon- und Oboespiel nicht gefällig rüberkommt, sondern nur die Wüstheit maximiert. Der Song war sogar ungestüm genug, die späteren Sex-Pistols-Mitglieder Paul Cook und Steve Jones zum Bandnamen The Strand zu inspirieren. Seltsamerweise erschien er erst ein Vierteljahr nach Albumveröffentlichung als einzige Single der LP. Stattdessen entschieden sich Band und Management, diese mit der Non-Album-Single „Pyjamarama“ anzukündigen.

Statt jedoch sofort einen Scheit nachzulegen (das hätte das Songmaterial durchaus hergegeben), schlüpft Ferry für das nächste Stück in das Kostüm eines dramatischen Crooners. Noch weiter vom Glam-Rock entfernt sich das düster-avantgardistische „Strictly Confidential“, in dem sich Ferrys theatralische gesangliche Affektiertheit Bahn bricht. Umso mächtiger knallt dann jedoch mit „Editions Of You“ einer der eingängigsten Tracks des Albums. Angetrieben von einem kloppenden Rock-Beat, injizieren die schreienden Soli von Mackay (Saxofon), Phil Manzanera (Gitarre) und dem selbsterklärten Nichtmusiker Eno am Synth dem Stück eine fast schon bedenkliche Adrenalindosis. Ähnlich unerbittlich wie der Song ist auch die Albumdramaturgie. So bricht für „In Every Dream Home A Heartache“ der Beat für drei Minuten ganz weg und gibt die Bühne frei für Ferrys Fin-de-Siècle-Ennui-Ode an eine aufblasbare Sexpuppe.

Letzte Ernte

Nach einem angetäuschten Fade-out kehrt das Prog-Rock-Outro des Songs noch einmal in einer klangmanipulierten Wiedergängerversion zurück, bevor die A-Seite der Vinylveröffentlichung endgültig endet. Und wenn man die Scheibe umgedreht hat, erwartet uns erneut etwas ganz anderes. „The Bogus Man“ ist ein krude und wie auf Autopilot groovender, creepy Neunminüter über einen Stalker. Eno betonte einmal die Nähe des Songs zu Krautrock und Bands wie Can. Doch zugleich hüllt ihn Manzaneras Saxofonspiel in eine Free-Jazz-Wolke. Wenn man möchte, kann man auch Parallelen zum ’79er Song „10:15 Saturday Night“ von The Cure ziehen. Das folgende „Grey Lagoons“ nimmt sich gegenüber den anderen Stücken beinahe aus wie ein konventioneller Rocksong mit Boogie-Einschlag. Nur die Produktion und die bilderstürmerische Umsetzung durch die Band setzen ihn ab von, nun ja, eigentlich allen Rockbands.

Das Album endet sozusagen mit Brian Enos letztem Hurra bei Roxy Music. Denn im abschließenden „For Your Pleasure“ wird sein Einfluss besonders ohrenfällig. So prägen seine Bandmanipulationen und Tape-Echos das Stück von Anfang an, mit steigendem Anteil. Die letzte Minute gestaltet er dann allein aus Echos, wie ein meisterlicher Dub-Mischer. Wenige Monate später verließ Eno die Band. Während sein Soloschaffen immer avantgardistischer wurde, klangen Roxy Music zunehmend poppig. Beide Seiten machten sich verdient in ihren jeweiligen Nischen. Doch 1973 ernteten Roxy Music die Früchte ihrer kreativen Spannungen, bevor das Saatgut verdarb.

Veröffentlichung: 23. März 1973
Label: Island

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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