Sofie Royer – „Harlequin“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Harlequin“ von Sofie Royer, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Sofie Royer – „Harlequin“ (Stones Throw Records)

Clowns haben ein Imageproblem. Dafür, dass ihre ganze Existenz auf dem Bespaßen anderer Menschen beruht, ist ihre Aura wenig humorvoll. Allerspätestens seit Stephen Kings Roman (und den diversen Verfilmungen von) „Es“, mit seinem Grimassen schneidenden Kinderfresser Pennywise. Und wer sich vor den weiß geschminkten und rot benasten Entertainer*innen nicht gruselt, bemitleidet sie wahrscheinlich – das Bild des traurigen Clowns ist immerhin ein sehr altes. So sagt es auch der bekannteste Geck der deutschen Literatur, Hans Schnier aus Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“: „Diese Leute verstehen nichts. Sie wissen zwar alle, dass ein Clown melancholisch sein muss, um ein guter Clown zu sein, aber dass für ihn die Melancholie eine todernste Sache ist, darauf kommen sie nicht.“

Auch bei Sofie Fatouretchi, die zunächst als Musikerin unter dem Alias Sofie, nun als Sofie Royer veröffentlicht, kommen die Faktoren Melancholie, Ernsthaftigkeit und Clownerie zusammen. Schließlich hat die in Kalifornien als Tochter einer Österreicherin und eines Iraners geborene Royer ihr zweites Soloalbum „Harlequin“ genannt – auf dessen Cover sie mit weiß-rotem Make-up und Halskrause posiert. Sofie Royer startete ihre musikalische Laufbahn mit einem Geigen-Studium am Wiener Konservatorium, bekannt wurde sie jedoch in L.A., als Gründungsmitglied des Boiler-Room-DJ-Kollektivs. Dort arbeitete und kuratierte sie für das Szenelabel Stones Throw Records, auf dem sie auch 2020 ihr Debütalbum „Cult Survivor“ veröffentlichte. Mittlerweile lebt sie wieder in Wien, wo sie Malerei studiert, als Musikerin, Musikproduzentin und DJ arbeitet.

Ansichten einer Clownin

In coronabedingter Isolation begann Sofie Royer, sich zu Hause als Clown zu verkleiden. Erst nur zur Bespaßung ihrer Freund*innen während des Videocalls, später auch für Live-Konzerte. „Das war wie ein Schutzpanzer vor meinem normalen Ich“, sagt Royer. „Ich fühlte mich auf der Bühne nicht so verletzlich.“ Unter diesem Schutzmantel konnte sie laut eigener Aussage ihre bisher persönlichsten Songs schreiben. Auf „Harlequin“ spielt Royer wieder den nostalgischen Psych- und Barock-Pop, der sich auch schon auf „Cult Survivor“ fand, inspiriert von Musikern wie Brian Wilson oder Burt Bacharach. Doch ein jugendlicher Schmerz zieht sich durch die klebrig-süßen Harmonien, durch Songs wie „Feeling Bad Forsyth Street“ oder „Someone Is Smoking“.

Was Royers Clownerie so besonders macht: Neben Melancholie gibt es auf „Harlequin“ tatsächlich eine Menge Spaß. Ihre gerne mal ein bisschen am richtigen Ton vorbeischlängelnde Stimme tanzt augenzwinkernd durch die aufwändig arrangierten Klang-Landschaften. Lieder wie der hinreißende Opener „Schweden Espresso“, das wavige „Baker Miller Pink“ oder die auf Deutsch gesungene Single „Klein-Marx“ sind kleine Pop-Zaubereien, die vor Lebensfreude nur so überquellen.

Veröffentlichung: 23. September 2022
Label: Stones Throw Records

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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