The The – „Soul Mining“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Soul Mining“ von The The, das unser ByteFM Album der Woche ist.

The The – „Soul Mining“ (Some Bizzare / Epic)

Da zum Jahreswechsel traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, um zurückzublicken: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2023 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „Soul Mining“, das Debütalbum von The The, das 40 Jahre alt geworden ist.

Matt Johnson kauert in der Ecke eines überwucherten Gartens. Von Kopf bis Fuß mit Laub bedeckt, hält er den Atem an. Um ja nicht entdeckt zu werden. Dieses Bild, mit dem das Debütalbum seines Projekts The The beginnt, basiert auf einer wahren Begebenheit, wie der britische Musiker 1983 im Interview mit dem Magazin Melody Maker enthüllte. Als Jugendlicher brach er in ein Haus ein und musste sich im Garten vor der Polizei verstecken. Diese Anekdote ergänzt seine zittrige Bariton-Stimme im Song mit diesen Sätzen: „All my childhood dreams are bursting at the seams / And dangling around my knees.“ Es sind überaus persönliche Zeilen, die wie ein offener Nerv pochen.

Die Texte stehen im harten Kontrast zu der darunter pulsierenden Musik. „I’ve Been Waitin’ For Tomorrow (All Of My Life)“ beginnt zwar noch mit etwas desorientiert arrangiertem Drum-Geballer, entpuppt sich aber binnen Sekunden als strahlender Pop. Johnson singt von seinem vernarbten Herz und lähmenden Schuldgefühlen, während Maschinen- und Slap-Bass in mitreißendem Einklang grooven und sein Synthesizer eine Hookline nach der anderen aus dem Ärmel schleudert. Eine wunderbar passende Eröffnung für „Soul Mining“. Ein Album, auf dem sowohl private als auch politische Angst-Poesie und perfekter Pop aufeinanderprallen.

Private Poesie und perfekter Pop

Ein Kontrast, der besonders im Vergleich zu der vorigen Musik Johnsons irritiert. The Velvet Underground, Throbbing Ghristle und The Residents waren die Referenzbands, die er Ende der 70er-Jahre noch auf der Suche nach Mitmusiker*innen nannte. Dementsprechend experimentell klang das 1981 unter seinem Namen erschienene Album „Burning Blue Soul“ (das später als The-The-Platte wiederveröffentlicht wurde). Eine kalte, wütende LP, mit verzerrtem Gesang und Lo-Fi-Tape-Loops, die mehr mit den Avantgarde-Post-Punk von This Heat als mit dem zeitgenössischen Synth-Pop von The Human League verwandt war.

Im selben Jahr erschien mit „Cold Spell Ahead“ die erste unter dem Namen The The veröffentlichte Single, die mit jangly Gitarren den Lo-Fi-Sound ein bisschen mehr in Richtung Pop rückte. Der Song erschien auf dem Label Some Bizarre, der Heimat der gerade durch die Decke gegangenen Soft Cell, deren Durchbruch Major-Labels auf die anderen Some-Bizarre-Acts aufmerksam machte. So fand sich der vorher noch arbeitslose Johnson 1982 plötzlich mit einem 80 000 Pfund schweren Vorschuss in der Tasche in New York wieder. Mit der Mission, gemeinsam mit Soft-Cell-Produzent Mike Thorne ein Pop-Album zu produzieren.

Eine Mission, die nur über Umwege gelang. Thorne und Johnson brachen aufgrund von kreativer Differenzen miteinander. Das tatsächliche Album wurde später in London mit Paul Hardiman fertiggestellt. Unnütz war der New-York-Trip dennoch nicht, schließlich kam Johnson hier auch in den Genuss der neuen Droge MDMA. Was vielleicht den euphorischen Sound von „Soul Mining“ erklären könnte.

Dampfwalzen-Boogie-Woogie

Rein musikalisch handelt es hier jedenfalls um ein nahezu vibrierendes Album. Nach den eng verschlungenen Grooves „I’ve Been Waitin’ For Tomorrow (All of My Life)“ folgt mit „This Is The Day“ ein opulent gewebter Klangteppich aus Omnichord, Fiedel und Akkordeon. Das bongolastige „The Twilight Hour“ wirkt wie ein Vorbote auf den Madchester-Sound der frühen 90er-Jahre. Das Album-Highlight „Giant“ beginnt mit Synth-Pop à la The Human League und endet mit einem mehrminütigen Perkussion-Wirbelsturm.

Und auch die leicht melancholischen Gitarrenfiguren von „Uncertain Smile“ werden zum Ende von einem hemmungslos gut gelaunten Dampfwalzen-Boogie-Woogie-Pianosolo von Gastmusiker Jools Holland überrollt. Holland ist nur einer von vielen Gästen auf dieser LP. Auch Orange-Juice-Drummer Zeke Manyika, Frank Want (Foetus) und Paul-McCartney-Keyboarder Paul „Wix“ Wickens zählen zum illustren Line-up.

Bittersüße Euphorie

Johnson selbst spielte jedoch den Großteil der Instrumente. Seine Texte und sein Gesang sind es auch, die diese Musik auch heute noch so spannend machen. Die Wörter scheinen manchmal direkt mit der Musik zu kämpfen, wie in „The Sinking Feeling“. Hier clashen freundliche Akustikgitarren und Handclaps mit bitterbösen Zeilen, in denen Johnson sich über das von Margaret Thatcher regierte England der 80er-Jahre auslässt. „I’m just a symptom of the moral decay / That’s gnawing at the heart of the country.“

„The Twilight Hour“ mag wie ein leidenschaftliches Liebeslied klingen, doch ist eigentlich ein messerscharfes Porträt einer kodependenten Beziehung. „You were emotionally independent / But starved of affection / But now you’ve been trapped by tenderness / And been beaten into submission.“ „Someone captured your heart like a thief in the night / And squeezed all the juice out until it ran dry“, singt er später im Titeltrack. Mit späteren LPs wie „Mind Bomb“ und „Dusk“ wurde Johnson deutlich mehr kommerzieller Erfolg zuteil. Doch die bittersüße Perfektion von „Soul Mining“ sollte er nie wieder erreichen.

Veröffentlichung: 21. Oktober 1983
Label: Some Bizzare / Epic

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

Das könnte Dich auch interessieren:



Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Michael Wojczewski
    Dez 11, 2023 Reply

    Tolle Wahl, immer wieder hinreißend

Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.