11.12.: Grafen und Orchideentöter

Sind Daten erst einmal digitalisiert, kann man sie nur noch schwer oder gar nicht kontrollieren. Das weiß auch Tim Renner, der Vorstandsvorsitzender von Universal Music war und die Probleme mit der Digitalisierung am eigenen Leib erfahren hat. „Sind Daten erst einmal digitalisiert, kann man sie nur noch schwer oder gar nicht kontrollieren. Das ist eine bittere Erkenntnis. Da platzt einem schon mal der Kragen.“ Dass nun einige amerikanische Politiker allerdings die Todesstrafe für WikiLeaks-Chef Assange fordern, findet er dann doch ein wenig übertrieben. Habe die Musikindustrie bei Shawn Fanning, dem Gründer von Napster, damals ja auch nicht gemacht. „[…] verglichen mit Euch waren wir in unserer Reaktion fast milde. Familienväter und Mütter von Urheberrechtsverletzern wurden von uns mit Klagen über hundertausende von Dollar überzogen, nach Leib und Leben trachten wir ihnen nicht.“ Zugeben muss Renner dann aber auch: „Naja, wir verloren durch Datenkopien ja auch nur Geld, Ihr aber Glaubwürdigkeit.“ WikiLeaks und Napster: Ein Vergleich, der womöglich hinkt? Macht Euch bei Carta selbst ein Bild.

Was Julian Assange für einige amerikanischen Politiker ist, ist Keith Richards vielleicht bald für Orchideenzüchter. Der Rolling Stone hat nämlich seit seinem Besuch in einer New Yorker Bibliothek eine der prachtvollen Pflanzen der Gattung Phalaenopsis amabilis auf dem Gewissen. Er rauchte direkt neben der Orchidee, und als er dann auch noch das Fenster öffnete, hatte die noch junge Pflanze nicht den Hauch einer Chance. Sie verlor innerhalb von vier Tagen ihre weißen Blätter, wie auf dem Blog der Bibliothek zu lesen ist. Keith Richards, gewissenloser Rockstar? Ganz im Gegenteil. Er signierte den Untersetzer der Orchidee, den er als Aschenbecher benutzt hatte und formte aus der Asche ein Kreuz.

Enorm wichtig für Keith Richards und die Rolling Stones ist ein 1931 geborener Mann namens Graf Christian Alexander Maria Strachwitz, besser bekannt als Chris Strachwitz. Ein relativ unbekannter Namen, der jedoch unglaublichen Einfluss auf den amerikanischen Folk hatte. „Coming from another language and culture, he perhaps saw the artistry in this music a little sooner, a little earlier than the rest of us, and his vision of a kaleidoscopic American musical culture – from Tejano to country and Southwestern blues – has helped thwart the single standard the music industry has tried to impose on us“, beschreibt der amerikanische Musikwissenschaftler Richard K. Spottwood in den Mercury News die Rolle von Chris Strachwitz in der amerikanischen Musikkultur.
Nachdem er in die USA ausgewandert war, gründete Strachwitz vor 50 Jahren das Label Arhoolie Records und war für die Karrieren von Musikern wie Bukka White, Lightnin‘ Hopkins, Lipscomb, Mississippi Fred McDowell oder Clifton Chenier verantwortlich. „Where I first heard Blind Lemon Jefferson, Blind Blake, Charlie Patton and Tommy Johnson“, sagt Bob Dylan über Arhoolie, und auch für Ry Cooder waren die Aufnahmen von Chris Strachwitz besonders wichtig: „It started me on a path of living, the path I am still on“.
Zum 50jährigen Jubiläum veröffentlicht Arhoolie Records nun eine CD-Box mit Aufnahmen aus den Jahren 1954 bis 1970 und einem 136 Seiten starken Buch über die Geschichte des Labels samt unveröffentlichten Fotografien, die ihr Euch jetzt auf www.arhoolie.com bestellen könnt.

Musik von Arhoolie, Orchideentöter Keith Richards und alle weiteren Neuigkeiten aus der Welt des Pop’n’Roll hört Ihr heute ab 15 Uhr im ByteFM Magazin mit Oliver Stangl.

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