"Ich höre keine Musik": Sophie Hunger im Interview

Schon im Vorfeld meines Treffens mit Sophie Hunger wurde ich nervös gemacht. Erst wenn er meine Bestätigung hätte, daß ich das neue Album „1983“ gehört habe, würde er das Interview freigeben, so der Tourmanager. Dazu schickte er mir die offizielle Presseinfo sowie die Texte des Albums. Sophie merke es schnell, wenn ein Journalist nicht richtig vorbereitet ist und es würde dann kein gutes Interview werden.
Entweder ist es anscheinend für viele meiner Kollegen keine Selbstverständlichkeit, sich ordentlich vorzubereiten, oder Sophie Hunger ist außerordentlich zickig, dachte ich. Unbegründete Befürchtungen.

Eine etwas angeschlagene, nicht gerade herzliche, aber trotzdem freundliche Sophie Hunger trittt mir entgegen. Bedächtig sprechend, wohlüberlegt, zwischendrin immer wieder enthusiastisch mit einem Blitzen in den Augen – wie ein kleines Kind, das aufgeregt seinen Eltern ein Erlebnis erzählt.
Als ich Hungers Biographie las, war eine der ersten Fragen, die mir in den Kopf schoss: Was für eine Kindheit muss sie wohl gehabt haben? Als schweizer Diplomatentochter zwischen Bern, London, Bonn und Zürich aufzuwachsen, ständig den Ort und somit die Freunde zu wechseln, das war doch sicher nicht einfach?

„Für mich war das eine Normalität. Ich habe ja selber nicht verstanden, dass das etwas Außergewöhnliches ist und das dadurch auch nicht so reflektiert. Es war einfach so. Mein Vater hat mir schon ganz früh erklärt, dass wir alle vier Jahre umziehen würden. Als Kind war ich darüber begeistert und dachte: Man kann ja dann immer wieder von vorne anfangen. Man kann immer wieder vergessen, was vorher war und sich neu erfinden. Und ich habe eher das in Erinnerung, dass ich ganz fest daran geglaubt habe, dass das Leben wie ein Film ist mit verschiedenen Kapiteln oder mehrere Filme, die nichts miteinander zu tun haben und man immer wieder jemand Neues sein kann.“

In welcher Rolle sie sich wohl gefunden hätte, wenn’s mit der Musikkarriere nicht geklappt hätte? Welche Pläne für die Zukunft hatte Sophie Hunger?

„Ich hatte eigentlich nie irgendwelche Zukunftspläne, mir nie Gedanken gemacht über die Zukunft. Ich habe einfach gekellnert um Geld zu verdienen und das auch nicht ungern getan. Ich habe sehr gern gedient und diesen Beruf auf sehr theatralische Art und Weise ausgeübt, immer gern in schönen Restaurant gearbeitet und habe sehr unterwürfig gespielt. Das hat mir eigentlich sehr gut gefallen. Wahrscheinlich wäre ich einfach Kellnerin geblieben. Ich weiß es nicht.“

Und das Studium?

„Ja, ich studiere eigentlich immer noch Deutsche und Englische Literatur. Aber das ist schwierig, heutzutage gibt es ja diese strengen Regulierungen hinsichtlich der Anwesenheitszeiten. Deshalb ist ein Studium für mich unmöglich und ich muss es jetzt leider aufgeben.“

Und die Uni kann keine Ausnahme machen?

„Universitäten sind Institutionen und jedesmal wenn sie eine Ausnahme machen, kreieren sie einen Präzedenzfall, nach dem dann alle sagen können: Das will ich jetzt auch. Deswegen kann man eigentlich keine Ausnahme machen.“

Und wie sah Sophies musikalisches Leben vor ihrem Karrieresprung aus?

„Ich habe viel auf der Straße und in der Straßenbahn gesungen und damit in Zürich eigentlich auch nicht schlecht Geld gemacht. Die Leute in Zürich haben viel Geld…Und dann hatte ich zum Beispiel mal so ne Phase, wo ich in der Schule immer Zeilen von Liedern zitiert habe anstatt zu antworten.“

Das Singen hat sich Sophie Hunger selbst beigebracht, indem sie einfach Lieder nachsang und versuchte, die jeweilige Geasngstechnik zu imitieren. Was ist aber das erste Lied, an das sie sich bewusst erinnern kann?

„Ich glaube das war in England in der Schule. Ich habe in der Anglikanischen Kirche Kirchenlieder mitgesungen. Und später kann ich mich an eine Platte von Ray Charles erinnern, die mein Vater hatte. Da habe ich das erste Mal diese Blues-Schemen gehört – die hab ich gefressen.“

Welche Musik Sophie Hunger jetzt wohl hört, frage ich. Direkt, ohne zu überlegen, in geradezu harschem Tonfall antwortete sie: „Ich höre keine Musik. Nein, ich höre eigentlich fast nie Musik.“ Dann realtivierte sie aber doch.
„Ich höre gerne instrumentale Musik, zum Beispiel Glenn Gould. Und Jazz – Charlie Parker – so was hör ich gern.“

Stichwort Glenn Gould. Welch Zufall, dass ich noch kurz vor dem Interview Thomas Bernhards „Untergeher“ gelesen habe, ein Buch, in dem Glenn Gould eine zentrale Rolle spielt. Wir unterhalten uns eine Weile über Thomas Bernhard und Sophie Hungers Eindruck von Salzburg, der Heimatstadt Thomas Bernhards. Denn dort war Sophie Hunger letzten Sommer, um für Die Zeit von den Salzburger Festpielen zu berichten. Schon 2009 kolumnierte sie für die schweizer Ausgabe der Wochenzeitung.
Ob sie sich vorstellen könne mehr journalistisch zu machen?

„Das kann ich mir nur vorstellen, wenn ich absolut frei bin. Ich kann keine wissenschaftlichen Arbeiten schreiben, sondern muss das auf einer fiktionalen Ebene handhaben können. Wenn sie mir diese Freiheit geben, dann kann ich mir schon vorstellen, mehr zu schreiben.“

Ein Interesse am Journalismus scheint bei Sophie Hunger aber zu bestehen. Sie lese gerade eine Biographie von Marion Dönhoff, einer der prominentesten und wichtigsten Persönlichkeiten im deutschen Journalismus der Nachkriegszeit, erzählt sie mir.
Aber zurück zur Musik, zurück zu Sophie Hungers Texten. Auf ihrem neuen Album gibt sie sich um einiges politischer und sozialkritischer als auf dem Vorgänger „Monday’s Ghost“. Ein bewusster Schritt? Sophie überlegt.

„Ich glaube schon, dass sich mein Blick im letzten Jahr mehr zu den Menschen gerichtet hat. Auch auf Grund der Ereignisse auf der Welt, die ja nicht einfach so an mir vorbeigehen. Das hat mich alles geprägt und ich habe sehr viel darüber nachgedacht und das alles vermischt sich dann mit der Musik.
Im Gegensatz zur Zeit von „Monday’s Ghost“ habe ich jetzt mehr aufgeschaut, nach außen und die Leute angeschaut, in ihnen etwas gesucht und nicht in mir.“

Trotzdem ist der Titel des Albums sowie der ersten Singleauskoppelung „1983“ ein sehr persönlicher. 1983 ist Sophie Hungers Geburtsjahr.

„Einerseits ist es eine Zahl. Und das hat mir gefallen. Ein Element, das zu keiner Sprache gehört, eine Abstraktion, sie gehört niemandem. Man kann ‚Neunzehndreiundachzig’ sagen, man kann ‚Mille neuf cent quatre-vingt-trois“ sagen oder „Nineteeneightythree“. Außerdem ist 1983 nicht nur mein Geburtsjahr, sondern auch das Geburtsjahr von ganz vielen anderen Menschen. Es ist der Anfang von dem was ich weiß, alles was ich kenne begann in diesem Jahr. Irgendwie hat es für mich Sinn gemacht so einen Titel zu wählen, einen Anfangspunkt, den ich aber mit Millionen teile.“

Nicht nur die 1983-Geborenen fühlen sich von Hungers Musik angesprochen. Die letzten zwei Jahre waren für die schweizer Musikerin außerordentlich erfolgreiche. Innerhalb kurzer Zeit nahm sie die Alben „Monday’s Ghost“ sowie „1983“ auf, die in ihrem Heimatland auf Platz 1 der Chart landeten und sich auch im Rest Europas gut verkauften. Arte und 3sat sowie diverse Printmedien haben die junge Künstlerin zu ihrem Liebling auserkoren. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, betrachtet man all die Artikel und Special-Features, die über Sophie Hunger erschienen und erscheinen. Natürlich sind auch negative Stimmen dabei. Ob sie das beeinflusse?

„Ich glaube es ist sehr schwierig das vollständig zu verneinen. Es gibt immer wieder Momente, in denen irgendeine Form von Kritik hängenbleibt und etwas in mir auslöst. Auch wenn man sich noch so abschottet – man hat ja auch selbst Ängste und weiß eigentlich genau, was die schlimmste Kritik wäre. Jeder Mensch hat sich selbst gegenüber ganz klare Vorstellungen davon, was seine schlechten Seiten sind oder was er nicht sein kann aber gerne wäre. Und dann ist man natürlich immer ein bißchen auf der Lauer nach der Kritik, die genau in diese Richtung stößt. Es ist schwierig das ganz auszuschalten.“

Und wie geht Sophie Hunger mit der Erwartungshaltung des Publikums um? Spürt sie einen Leistungsdruck, hat sie keine Angst vor einem kreativen Burn Out?

„Ja natürlich hab ich diese Angst, aber das ist mit dabei wenn man etwas so sehr liebt oder wenn einem etwas so viel bedeutet, wie die Musik für mich bedeutet. Ich versuche mir dann vorzustellen, wie es ganz am Anfang war. Der Zustand, als alles leicht war und einfach so von mir fiel.“

Ein geistiges Refugium um Kraft zu schöpfen?

„Ich weiß nicht. Vielleicht ist es nicht mal so kompliziert. Oft sind es auch ganz banale Dinge, wie das Klavier im Haus meiner Eltern. Oder dass ich einfach alleine bin, das zum Beispiel gibt mir auch viel Kraft.“

Die Kraft beispielsweise auf der Bühne zu stehen? Wenn man viel auf Tour ist hat man doch sicher auch so manch schlechtes Erlebnis?

„Es gab einige schlimme Konzerte. Aber an eines kann ich mich noch genau erinnern. Das war noch ganz am Anfang, mein erstes großes Konzert in Zürich vor 1200 Leuten. Gerade in dieser Zeit war mir ständig schlecht, ich musste mich dauernd übergeben. Und an diesem Tag vor diesem Konzert war das ganz schlimm, außerdem hatte rasende Kopfschmerzen, konnte fast nicht sprechen kann und dachte, daß meine Augen aus dem Kopf rausplatzen. Nicht mal den Soundcheck konnte ich machen, sondern bin im Taxi nach Hause gefahren und wollte das Konzert absagen. Da kam im Taxi übers Radio eine Sendung, heute Abend sei dieses Konzert und man hörte Leute darüber sprechen, wie sehr sie sich darauf freuten. Mir wurde bewusst, dass ich dieses Konzert auf keinen Fall absagen konnte! Ich bin bis 15 Minuten vor dem Auftritt in einem dunklen Raum gelegen und hab mich immer wieder übergeben und dann bin ich auf die Bühne und hab das Konzert gespielt. Ich bin fast durchgedreht, aber ich musste einfach da durch. Das ist so ein Druck, all diese Leute, die da sitzen, man kann nicht aufhören, man muss spielen und man muss gut sein, man muss sehr gut sein. Vor allem in der Heimatstadt, da sind alle da. Auch die, die einen nicht mögen, kommen um dich da anzugucken.“

Ein paar Möglichkeiten, Sophie Hunger anzugucken und zu hören gibt es noch.
Sie spielt heute im Berliner Lido. Dann gehts für drei weitere Termine in die Schweiz, worauf erst mal wohlverdiente Weihnachtsferien folgen. Im Januar ist Sophie Hunger dann wieder in Deutschland:
Am 28.01. im Konzerthaus Dortmund und am 30.01. im Burghof Lörrach.

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Variante 1 – mit etwas größerem Player-Fenster:

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Und Variante 2 mit einem etwas kleineren Player-Fenster:

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Diskussionen

2 Kommentare
  1. posted by
    “Ich höre keine Musik”: Sophie Hunger im Interview : ByteFM Magazin « eycooley.de
    Dez 11, 2010 Reply

    […] the original here: “Ich höre keine Musik”: Sophie Hunger im Interview : ByteFM Magazin Musik No Comments […]

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