Alter Schwede: Hellsingland Underground – Wahnsinn und Anmut im Elchtest


Da hatte man schon gedacht, dass sich die derzeitigen Schwedenhappen in Sachen Musik nur noch zwischen in Berlin ansässigen Exil-Elektronikern und den Menschen abspielen, die Britney & Co globalmarkttaugliche Popware auf den photogeshoppten Leib schneidern, da kommt mit Hellsingland Underground eine Band um die Ecke, die Autoren von Infos und Plattenbesprechungen zur Neuordnung ihres Vokabulars zwingt.

Denn diesen, sagen wir, in Folkerde gesuhlten Schweinerock vom Songwriterbauernhof, kann man nur auf eine Art in Worte fassen, die beim Texten für Web 2.0 affine, Lifestyle-Werbung geeignete, post-metrosexuelle Medien mit Aussicht auf iPad App. total verboten ist. Oder wann habt Ihr das letzte Mal das Wort „amtlich“ gelesen, wenn es um Musik geht? Oder „erdig“?

Hellsingland Underground sind eine Band aus dem Hinterland, eine Bande von Waldschraten, die mit ihrem zweiten Album „Madness & Grace“ da weitermachen, wo vor ihnen schon Gruppen wie Aerosmith oder Guns N‘ Roses nicht aufhören konnten. Hier hat der Boogie noch nichts mit Porno-Disco-Nächten am Hut, sondern eher mit Honky-Tonk-Spelunken, Zweirädern und Geschwindigkeitsrausch auf der Landstraße, wenn auch manchmal nur per Fahrrad, wie beim Album Opener „The Spark That Never Dies“ besungen.

Mögen andere Bands derzeit die Pop Verschwurbelungen der 70er und 80er neu entdecken wollen und sich mit Toto-Zitaten, Lionel-Ritchie-artigen Produktionen und Synthiepop-Referenzen bemühen, einen auf schlau zu machen, in Hellsingland zählen andere Werte: die Allman Brothers, Lynyrd Skynyrd, die Marshal Tucker Band oder Thin Lizzy zum Beispiel. Dazu noch etwas Neil Young und Bob Dylan als Schutzheilige und bei Bedarf kräftige Dosen Led Zeppelin.

Wenn nicht gerade das Banjo rausgeholt oder auf dem Klavier geklimpert wird, darf die Leadgitarre noch das Lied dominieren, gerne in mehrstimmiger Manier. Dazu ein wenig Satanismus light, denn im Wald bei Ljusdal in Hälsingland, wo die Band herkommt, kennt man die alten Volkslieder vom Teufel, da hockt der Anti-Christ noch im Keller, den man aber natürlich längst mit hellem Holz ausgebaut hat.

Der „Northern Rock“ von Hellsingland Underground (also die Schweden-Variante vom Southern Rock) ist insgesamt eine ehrliche Sache: Schweiß, Blut und Dänen, äh, Schweden. aber die lügen eben auch nicht. „Madness & Grace“ ist, wie der selbstbetitelte Vorgänger auf Killy By Records erschienen.

Zur Einstimmung auf dem morgigen Vatertag gibt es heute Musik von Hellsingland Underground im ByteFM Magazin ab 15 Uhr mit Ruben Jonas Schnell.
Mehr Infos und Musik von Hellsingland Underground gibt es auf der Distilled-Tracks-Seite von Jack Daniel’s.

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