Angil And The Hiddentracks – "The And"

PicastroAngil And The Hiddentracks – „The And“
VÖ: 06.05.2010
Web: www.myspace.com/angilandthehiddentracks
Label: We Are Unique Records
Kaufen: ”iTunes"

„Wie fühlt sich das an, angeschrien zu werden auf rumänisch, zwei Stunden lang, drei Stunden lang, zwölf Stunden lang, auf dem zwölfstündigen rumänischen Schrei-Festival?“ Keine Ahnung, und von Angil And The Hiddentracks gibt es auf ihrem aktuellen Album „The And“ auch keine Antwort, aber diese Textpassage aus ihrem hervorragenden Song „Lipograms“ mag ein wenig veranschaulichen, wie diese Franzosen ticken.

Hinter dem Pseudonym Angil verbirgt sich Mickaël Mottet aus St. Etienne, und The Hiddentracks sind ein Musiker-Kollektiv mit einer interessanten Mischung aus Holz-und Blechbläsern, hinzu kommen Drums, Keyboards, Violine und ein Kontrabass. Im Jahr 2007 hatte die Band ihr Album „Oulipo Saliva“ auf dem kleinen französischen Label mit dem selbstbewussten Namen „We Are Unique!“-Records veröffentlicht. Als es dann Ende 2008 vom schottischen Label “Chemikal Underground“ in einem etwas größeren Rahmen herausgebracht wurde, erlangte „Oulipo Saliva“ auch bei uns einige Aufmerksamkeit, und zwar nicht nur, weil die Musik ohne E-Dur-Akkorde auskommen musste, sondern auch wegen der weitgehenden Abwesenheit des Buchstaben „E“, der selbst im Bandnamen fehlte (Angil + Hiddntracks).

Das „E“ ist inzwischen zurück, an der verdienten Aufmerksamkeit mangelt es jedoch leider noch ein wenig, ist „The And“ doch wieder „nur“ auf „We Are Unique!“-Records erschienen. Dabei ist das „Und“ auf dem neuen Album Programm, denn neun der elf Songs sind Duette. Mickaël Mottet, der übrigens ein angenehm unfranzösiches Englisch singt, wird dabei unter anderem von Label-Kollegin Raymonde Howard (bürgerlich Lætitia Fournier), Jim Putnam (Radar Bros), Lætitia Sadier (Stereolab) und Emma Pollock (ehemals bei den Delgados) begleitet.

So gelingt auf „The And“ mit einer Mischung aus Pop und Jazz das Kunststück eines abwechslungsreichen und dennoch homogenen Albums mit einem zwischen Spannung und entspannung pendelnden Charakter. Die Duette werden den Gästen dabei durchaus gerecht. „Kira #2“ mit Lætitia Sadier könnte ein Stereolab-Song sein (allerdings ohne Elektronik), das mit einem Zitat aus Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm „Sunrise“ (1927) beginnende „Sail Home“ würde auch auf einem Album der Radar Bros eine gute Figur machen, denn Jim Putnam singt selbstverständlich in seiner sanften, lakonisch-entspannten Art. Lediglich das weitgehend poppig-melancholische „Unbroken Hearts“ würde sich in dieser Form womöglich nicht auf einem Emma Pollock-Album wiederfinden, zumal die letzten zwei Minuten den Instrumenten gehören.

Der Reiz von „The And“ liegt eben in diesen Spannungsfeldern. Der Gesang von Mickaël Mottet und der belgischen Künstlerin Valérie Leclercq (alias Half Asleep) im Song „In The Attic“ ist Pop, der Beginn des Songs wirkt jedoch wie Kammermusik, die dann allerdings von einer bedrohlichen Bläserkulisse im Stil der längst nicht mehr bestehenden britischen Band Moonshake übertönt wird. Das deutlich lässigere „Thelma Or Louise?“, bei dem Mottet von der Französin Françoiz Breut begleitet wird, beginnt hingegen fast wie ein Kinderlied mit einem Metallophon, bevor der knarzige Kontrabass von Pauline Dupuy (die auf “Kira #1“ auch als Sängerin zu hören ist) einsetzt und sanft gespielte Bläser die entspannte Stimmung unterstreichen. Dass ausgerechnet in diesem Songtitel das „und“ einem „oder“ weichen musste, ist angesichts des Albumtitels ein nettes Detail.

Lediglich bei zwei Songs, nämlich dem von einer Art New Orleans-Jazz geprägten „Jackson Jr Redding“ – zu dem es ein hübsches Video gibt, in dem Mickaël Mottet trotz zahlreicher Tötungsversuche einfach nicht totzukriegen ist – sowie dem siebeneinhalbminütigen „Finland & Platform“ verzichten Angil And The Hiddentracks auf Gäste. „Of all the things I know I pick the most unnecessary and forget about all others“ singt Mottet in Letzterem, aber das ist natürlich Koketterie, denn angesichts der ausgefeilten und detailverliebten Arrangements auf „The And“ hat diese Aussage nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

Dies ist also das „Und“, und man kann natürlich versuchen, eines der besten Alben des bisherigen Jahres mit derart vielen Worten zu beschreiben, oder aber man bringt es – wie eine Freundin von ByteFM – auf den Punkt: „ein eindringlich-entspannt-hymnisch-hypnotisches Jazz-Hop-Punk-Pop-Singer-Songwriter Album-Album“. Touché!

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Diskussionen

0 Kommentare
  1. posted by
    Angil
    Nov 30, 2010 Reply

    Hi!

    Thanks a lot for your review. I am sending you an album by a band called Del, which I am also a member of. Please let me know when you receive it!

    Mickaël (Angil)

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