Neue Platten: Avey Tare’s Slasher Flicks – „Enter The Slasher House“

Avey Tare’s Slasher Flicks - Enter The Slasher House (Domino)Avey Tare’s Slasher Flicks – „Enter The Slasher House“ (Domino)

8,7

Wenn sich der Name einer Band in Kombination mit dem Namen ihres neuen Albums liest, als habe man eine ganz Kurzgeschichte vor sich, und wenn der Kopf der Band dann auch noch auf den Namen Avey Tare hört – Gründungsmitglied des Animal Collective -, dann erwartet man beim Klick auf den Play-Button nicht weniger als die schallende Eröffnung eines bunten auditiven Zirkus im Kopf.

Man wird nicht enttäuscht. Der auditive Zirkus von Avey Tare’s Slasher Flicks, der beim Hören ihrer neuen Platte „Enter The Slasher House“ augen- bzw. ohrenblicklich gestartet wird, bringt alle vorstellbaren Bilder im Kopf dazu, sich kaleidoskopartig zu einem musikalischen Cupcake-Teig mit Sahne und Erdbeerfrosting vermengt auf Hammer, Amboss und Schnecke zu ergießen.

Ob Angel Deradoorian und Jeremy Hyman, Bestandteile zwei und drei des Slasher-Flicks-Trios, Aveys Slasher Flicks sind oder ob es sich bei den Slasher Flicks vielmehr um Aveys ganz persönliche Slasher Flicks in Form von von ihm komponierten Liedern mit gewissermaßen slasherflicksionalem Inhalt handelt. Oder aber, ob das „Slasher Flicks“ im Namen der Band einfach nur gut klingt, konnte bisher nicht geklärt werden. Eigentlich ist „Slasher Flicks“ ein Ausdruck für ein Untergenre des Horrorfilms, und zwar jenes, in dem (seelisch) ungestalte Randfiguren des Filmbiz à la Patrick Bateman, evolutionär zu schnell vorausgeeilte Atomtestgebietbewohner mit Hautproblemen oder Motelvermieter mit ausgeprägtem Ödipuskomplex weniger Verunglimpfte – blond-brünette Mischungen aus dentalmedizinisch hinreichend versorgten Spring-Break-Amerikanerinnen Anfang ihrer Zwanziger – vorzugsweise per Muskelkraft und Machete, wahlweise auch Messer, aufschlitzen, ritzen und aufzwutscheln, auf dass Gedärm, Gehirn und was da sonst noch so an Soßen wartet, herausquelle (sexuelle Konnotation: natürlich!).

Außerdem: Der Name „Avey“ ist Hebräisch, der klassischen Gendernorm entsprechend weiblich und bedeutet: „Gott ist mein himmlischer Vater“. „To tare“ bedeutet bekanntlich wiegen. Da „Avey Tare“ Avey Tares Künstlername ist, wird sich Avey Tare schon was dabei gedacht haben. „Der gewogene himmlische Vater“ hat jedenfalls einen gewissen Charme. Der heilige Christophorus kann ebenfalls ein Liedchen davon singen.

Das klingt alles kompliziert und deshalb bin ich froh, sagen zu können, dass Avey Tare’s Slasher Flicks mit „Enter The Slasher House“ vor allem ein fulminantes Füllhorn konfettibunter Noten in die Welt geboren haben, dessen Schönheit einem Hochseilakt gleicht, der ohne Netz und doppeltem Boden beim quadruplen Salto von einem orchestralen Trommelwirbel begleitet wird. Slasher Flick mit Happy End. Es geht alles gut.

Egal ob Synthie-Sounds (immer), Schlagzeug (auch immer), Gesang (sowieso), Fagott (versteckte Bereicherung), Synthie-Wahwahs (mal hier, mal da), undefinierbares Gekrischel, sowie sidekickende Off-Stimmen und, und, und: Die verwebte Disharmonie von „Enter The Slasher House“ ist tatsächlich ein veritabler Eintritt in eine musikdimensionale Zwischenebene voller Schönheit und verwirrender Vielfalt. Ein YouTube-Kommentar fasst zusammen: „There’s so much to unravel.“

Assoziationen zu etwa Tim Burtons „Beetlejuice“ sind angebracht und von Seiten Avey Tares sicherlich erwünscht, und auch der aktuell vor den ByteFM-Redaktionsfenstern tobende Hamburger Dom weist eine gewisse Parallele zu diesem Album des fröhlichen Wahnsinns auf: laut, schrill und mit einem Hauch Mandelaroma im Blutanteil: A positiv!

Label: Domino | Kaufen

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