Neue Platten: Dump – "Superpowerless" & "I Can Hear Music"

Dump - Superpowerless (Morr Music)Dump – „Superpowerless“ (Morr Music)

8,5

James McNew ist nicht nur seit über 20 Jahren der Bassist von Yo La Tengo. Unter dem Namen Dump hat er seit Anfang der 90er-Jahre ein paar wunderbare Lo-Fi-Alben aufgenommen. Das Berliner Label Morr Music veröffentlicht nun mit „Superpowerless“ und „I Can Hear Music“ Reissues der lange vergriffenen ersten beiden Platten McNews, die damals auf dem holländischen Label Brinkman herauskamen.

„Superpowerless“ erschien 1993 auf dem Höhepunkt der damaligen US-Homerecording-Welle. Während Grunge gerade grandios verglühte, bastelten DIY-Songwriter in unzähligen Kellerstudios und Studentenwohnheimen an ihren 4-Spur-Rekordern unglaubliche Obskuritäten und echte musikalische Wunderwerke zusammen. Vorbilder waren dabei oft – wie auch im Falle von McNew – geniale Einzelgänger wie Jad Fair, Daniel Johnston oder die neuseeländische Lo-Fi-Szene um das Flying-Nun-Label mit Bands wie den Tall Dwarfs. Ob nun Lou Barlows „Sentridoh“, die Mountain-Goats-Tapes auf Shrimper Records oder eben Dump: Auf einmal bekam das Rumpeln von Kassettenrekordern und der Sound von Dolby-Rauschunterdrückung etwas Magisches, war der brüchige Klang einer in Mono aufgenommenen Schrammelgitarre cooler als konventionelle Vorstellungen eines „fetten“ Sounds.

James McNew erinnert sich in den Liner Notes liebevoll an sein erstes Tascam-Portastudio, den Vierspur-Rekorder, der ihn seit seiner Jugend in Charlottesville, Virginia, bis hin zu seinem Umzug ins Indie-Mekka Brooklyn Anfang der 90er begleitete. Zwischen 1991 und 1993 entstanden dort die urspünglich auf „Superpowerless“ erschienenen 19 Songs, bei denen es sich eher um ein musikalisches Tagebuch mit sehr unterschiedlichen Stimmungen als um ein homogenes Album handelt. Bis auf wenige Ausnahmen (u. a. die großartige Wreckless-Eric-Coverversion „Just For You“, bei der McNew von den Yo-La-Tengo-Kollegen Ira Kaplan und Georgia Hubley unterstützt wird) bleiben die Stücke dabei deutlich unter drei Minuten. Das Spektrum reicht von Fuzz-getränkten, psychedelischen Instrumentals wie „The Sea Wall“ bis hin zu schmissigen Mitsing-Hymnen wie dem Titelstück „Superpowerless“. Auffällig sind vor allem die vielen Coverversionen. Angefangen bei einer gut gelaunten Fassung von Sun Ras „Outer Spaceways, Inc“ bis hin zu einer großartig naiven und gleichzeitig herzzereißenden Version von Henry Mancinis „Moon River“, outet sich McNew dabei vor allem als echter Musik-Nerd und Fan. Neben dem ursprünglich releasten Material kann die aktuellte Wiederveröffentlichung noch durch acht Bonus-Songs, die u. a. die komplette „Nothing-Left“-EP von 1992 umfassen, extra punkten.

Als McNew dann mit „Superpowerless“ im Gepäck im April ’94 beim legendären „Fast-Forward“-Festival in Nijmegen mit anderen Lo-Fi-Helden wie Smog, Chris Knox von den Tall Dwarfes oder Lou Barlow auftrat, muss das wie ein großes Familientreffen gewesen sein. Kurzentschlossen ließ er sich vom Geist des Festivals mitreißen und improvisierte im Wohnzimmer von Brinkman-Labelchef Fred Maessen eine viertägige Aufnahmesession. Mit dabei u. a. Barbara Manning, Chris Knox und Joost Visser. Unter den neun Songs dieser Session ist wieder ein Coversong: „I Can Hear Music“ von den Ronettes, der später für die Beach Boys ein großer Hit wurde, und der in der Dump-Version vieles der gelösten Party-Stimmung der Session transportiert. Das gleichnamige Dump-Doppelalbum, das im Laufe des folgenden Jahres in McNews Wohnung in Brooklyn entstand, basiert auf dem Geist dieser Aufnahmen. Die Songs klingen hier schon wesentlich kohärenter, poppiger und weniger experimentell als auf dem Debüt, ohne ihren rohen Charme zu verlieren. Neben schrammeligen, aber gleichzeitig eingängigen Eigenkompositionen wie „Hope, Joe“ oder „Liberty Spikes“ stechen auch hier wieder tolle Coversongs hervor. Etwa das großartig reduzierte „Vienna“, im Original von Ultravox, oder eine flotte Version von Dylans „Wanted Man“. Wärend die erste Hälfte von „I Can Hear Music“ in puncto Songwriting geschliffener wirkt, bringen die Stücke der „Fast-Forward“-Session auf der zweiten CD das euphorische Klassenfahrts-Gefühl und die ungeheure Eigendynamik der 90er-Lo-Fi-Szene noch deutlicher rüber.

Für die Wiederveröffentlichung wurden die Aufnahmen noch einmal einem gründlichen Remastering durch Bob Weston (Shellac) unterzogen und erscheinen nun auch das erste Mal auf Vinyl. Zwei Platten, die mehr sind als bloße Zeitdokumente, denn die Songs von Dump sind auch heute noch ganz groß und von hoher popgeschichtlicher Verweisdichte. Sie handeln aber auch von der Freude am Selbermachen und von der eigenen Fanhaltung, die McNew durch die vielen Gastauftritte von Freunden und Mitmusiker und seine treffsichere Auswahl an Coverversionen unterstreicht.

Label: Morr Music | Kaufen

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