Neue Platten: I Heart Sharks – „Summer“

Von christoph-mller, 28. Oktober 2011

(AdP Records)

7,0

Ist das die Platte des Winters? Sie könnte es zumindest sein, wenn man sich den Titel anschaut: „Summer“. Sommer. Und was hat der Sommer im Winter verloren? Für die meisten ist der Sommer im Winter eine tief liegende melancholische Sehnsucht. Einhergehend mit Glück und Wärme. Zu einem Hirngespinst verwelkt der Sommer im Winter, der grau, eisig und hart sein kann. Um diese Zeit zu überstehen, würde die Band I Heart Sharks entgegnen, musst du dir den Sommer einfach einbilden, ihn dir warm halten: „let’s just pretend it’s summer“. Welch eine innovative Idee. I Heart Sharks ist ein New-York-London-Bayern-Trio, das sich in Berlin zusammengefunden hat. Sich in Berlin für irgendwas zusammenfinden, das ist unter kreativen jungen Leuten heute so selbstverständlich, wie der sonntägliche Gang zum Bäcker.

I Heart Sharks sind jung und sie gehören zu den „durch und durch ästhetisierten Menschen des 21. Jahrhunderts“, wie der SPIEGEL-Artikel „i“ die Zielgruppe von Apple-Produkten zu erkennen versucht: „Es sind zeitgemäße Produkte für den Menschen […], der zeigen will, dass er auf dem Laufenden ist, kein Technikfreak, […] aber auch kein Technikfeind, der einen Sinn für […] die seltsame Erotik hat, die von Objekten mit runden Ecken und glatten Oberflächen ausgeht.“

Dass damit auch das musikalische Geheimnis von I Heart Sharks erklärt wird, daran haben die Autoren nicht gedacht. Denn mit der Musik von I Heart Sharks verhält es sich wie mit Apple-Fans. „Summer“ ist zunächst ein Album für die musikalische Oberklasse. Oder will es zumindest sein. Man spürt das. In der lauten Art des Gesangs, der an vielen Stellen eingebildet wirkt, in der Art der Proklamation. Im Song „Neuzeit“, in dem im Stile vom Ja,-Panik-Album „DMD KIU LIDT“ in Germanenglish gesungen wird, heißt es: „und wir machen neue Geschichte“. Die Band hat den „Berlin-Sound“ aufgesogen, diesen immer noch leicht revolutionären, nach Aufbruch schmeckenden Sound. Ohne Probleme kann man sich I Heart Sharks vorstellen, wie sie mit erhobenen Fäusten die Bühne betreten: Wir sind da, wir kämpfen für Euch, gegen die Dinge, gegen die es sich zu kämpfen lohnt. Wofür wissen wir noch nicht, aber das hier, das ist unsere Musik dazu. Doch die ist keineswegs unkonventionell oder avantgardistisch, wie man es von der Bohème, den „intellektuellen Randgruppen“ (Wikipedia) erwarten könnte. Es ist elektronische Popmusik. Nicht allzu poppig, doch eher mit runden, als mit kantigen Ecken. Mit der Musik von I Heart Sharks verhält es sich wie mit Apple-Fans: Beide sind zeitgenössisch, nicht zu andersartig, aber um Himmels willen wollen sie nicht dem Normalen zugeschrieben werden.

Und hier kommt „die seltsame Erotik […], die von Objekten mit runden Ecken und glatten Oberflächen ausgeht“ ins Spiel. Denn „Summer“ verhält sich so: Es ist ein kryptisches flaches Pop-Album, von dem eine „seltsame Erotik“ ausgeht. Auffallend ist, dass nicht nur die Musik auf Anschlag aufgenommen worden ist, sondern auch die Texte geradezu herausgeschrien werden. Phrasenschmettern: “I never wanted to fall in love in a place like this“ („Rien Ne Va Plus“), “if you ask no questions you hear no lies” („Lies”) und ganz schlimm: “There’s nothing more sad than an angle without light, this is the Neuzeit” („Neuzeit”). The Neuzeit also. Ist es das, was die Band mit ihrer Musik bewirken will? Eine neue Zeitrechnung einleiten? Eine neue Dimension erfinden?

Mag es dem Album an einer lyrischen Basis mangeln, die die vielen leeren Floskeln mit Leben füllen könnte. Mag es aufdringlich und laut sein. Mag es bloß den Anspruch haben, cool zu sein. Mit „Summer“ veröffentlichen I Heart Sharks ein schnelles Elektropop-Album, das geschickt instrumentiert ist und dessen Spannung über die Länge der Platte gehalten wird. Wer keine lyrischen Wunderwerke erwartet, bekommt zwölf tanzbare melodische Tracks, an denen man sich nahezu ergötzen kann, denn der zunächst eingebildet wirkende Gesang bekommt nach mehrmaligem Hören eine tranceartige Note. Die Gitarren und Synthesizer wirken bewusst platziert und lebendig. Lediglich eine kleine Verschnaufpause täte dem Album gut, ein Instrumentalstück zum Beispiel. Doch Verschnaufpausen geben sich Apple-Nutzer eigentlich auch nicht. Na, also!

Label: AdP Records | Kaufen

Das könnte Dich auch interessieren:



Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert