Neue Platten: Pascal Pinon – "Twosomeness"

Pascal Pinon - Twosomeness (Morr Music)Pascal Pinon – „Twosomeness“ (Morr Music)

7,9

Pasqual Pinon war Mitglied eines amerikanischen Kuriositätenkabinetts des frühen 20. Jahrhunderts. Seine Kuriosität waren zwei Köpfe, wobei es sich bei dem zweiten, kuriosen Kopf um einen mit Wachs modellierten Tumor handelte. Und Pascal Pinon ist die Band der beiden 18-jährigen Zwillingsschwestern Jófríður und Ásthildur Ákadóttir aus Islands Hauptstadt Reykjavík. Seit dreieinhalb Jahren, damals waren die Schwestern Ákadóttir 14 Jahre alt, produzieren sie Musik in der elterlichen Wohnstube. Und so lange schon stellt sich die Kritik die Frage, warum die Anspielung auf den texanischen Doppelkopf.

Das zweite Album der beiden Isländerinnen heißt „Twosomeness“, verweist zwar wieder eventuell auf den zweiköpfigen Namensgeber, enthält sich aber weiterhin einer eindeutigen Antwort auf die Namensfrage. Dieser Albumtitel betont vor allem ihre Bandkonstellation, ihr Sichverstehen unter (Zwillings-)Schwestern und dass sie außer ihrer gemütlichen Heimat und sich selbst nicht viel brauchen, um glücklich zu sein.
Auf Tour gingen die beiden nämlich bereits zu viert, arbeiten mit einem Label zusammen und trotzdem verspricht der Bekanntheitsgrad noch ein Leben außerhalb der Musikproduktion – so studiert Jófríður Sprachen in Reykjavík (an einer Schule, an der auch Björk zu den Alumni gehört). Als junger Mensch läuft man da Gefahr, sich von der Familie und der Heimat zu entfernen. Doch Pascal Pinon konzentrieren sich auch auf ihrer neuen Platte auf sich, auf den Kern, auf Jófríður und Ásthildur Ákadóttir.

Ihre Musik erscheint als verträumter isländischer Indie-Pop mit je nach Inspirationsquelle englischen oder isländischen Sprachmustern, geprägt von Gitarre und Keyboard aus Kindheitstagen, viel Ehrlichkeit und dazu einem ausgepräten Do-it-yourself-Gefühl, das der Lo-Fi-Aufnahmeatmosphäre entspricht. Der Gefahr, irgendwann durch all dieses Persönliche nur noch „süß“ zu sein, wird selbstbewusst aus dem Weg gegangen: „We’re not really that cute, we just don’t have drums or rock guitars and sometimes like to play the songs very slowly. It’s always bad to get a certain image and especially one that grows out of you. But being cute isn’t all that bad. Everybody has a little cute in them somewhere.“

Und so zweisam und selbstgemacht sind die beiden dann auch nicht, denn der Amerikaner Alex Somers produzierte das Album der beiden und brachte Erfahrung und auch etwas Elektronik mit. Er hat sich 2005 in Reykjavík niedergelassen, ist sonst verantwortlich für das Produzieren von isländischen Größen wie Sin Fang oder Sigur Rós und bildet mit seinem Lebenspartner und Sänger der letztgenannten Gruppierung Jón „Jónsi“ Þór Birgisson die Gruppe Jónsi & Alex. Dieser Produzent kennt sich aus im Post-Rock und ekstatisch crescendierenden Kompositionen, die auch in größeren Maßstäben begeistern. Doch bei Pascal Pinon bleibt auch er auf dem kleineren Teppich. Und was bei Sigur Rós und Jónsi & Alex die Mächtigkeit der komplexen Komposition ist, ist bei Pascal Pinon die Intimität – und die besteht trotz Produzent Somers auch auf „Twosomeness“.

Es ist das angenehme Rauschen der Zu-Hause-Atmosphäre, die schönen Melodien, das Zusammenspiel aus vor- und zurücktretendem Gesang auf hohen Hintergründen und Glockenspiel, die Zerbrechlichkeit der Stimmen und die Zurückhaltung der Komposition, die Pascal Pinon außergewöhnlich machen. Hier passieren nicht zu viele Dinge nebeneinander und doch sind Stücke wie „Þerney (One Thing)“ oder „Kertið“ ausgereifter, komplexer und vielleicht auch elektronischer als die bisherigen Veröffentlichungen. „Ekki Vanmeta“ heißt der erste Song und zeigt die Richtung des Albums an, die Übersetzung: nicht unterschätzen. Und so sind Pascal Pinon: nicht nur der zerbrechliche Singsang zweier süßer Schwestern, sondern ein Projekt, das sich entwickelt, wächst und gefällt.

Label: Morr Music | Kaufen

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