Zum Tod von Sinéad O’Connor: Nothing Compares 2 Her

Foto der irischen Musikerin Sinéad O’Connor bei einem Auftritt

Sinéad O’Connor ist im Alter von 56 Jahren gestorben (Foto: Man Alive!, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Zwei der eindrucksvollsten Videos der Pop-Musikgeschichte zeigen fast ausschließlich das Gesicht von Sinéad O’Connor. Das erste ist das Musikvideo von „Nothing Compares 2 U“, dem Prince-Cover der irischen Sängerin und Songwriterin, das ihren internationalen Durchbruch markieren sollte. Der Clip zeigt eine nur von kurzen Überblendungen unterbrochene Einstellung ihres Gesichts. Nur mit ihrem Ausdruck erzählt sie innerhalb von fünf Minuten eine komplette Geschichte über Verlust und Trauer – und lässt dabei maximal Raum, die atemberaubende Musik für sich wirken zu lassen. Ein Gesicht, ein paar Tränen und eine markerschütternde Stimme. Mehr braucht es nicht.

Das andere ist O’Connors legendäre Performance in der US-Show „Saturday Night Live“, im Oktober 1992. Auch hier sehen wir nur ihr Angesicht, vor schwarzem Hintergrund und ein paar Kerzen. Sie singt Bob Marleys „War“, eigentlich eine Anti-Rassismus-Hymne. Doch O’Connor verwandelt es in ein Statement gegen sexuelle Gewalt. Und ihr Ziel ist unmissverständlich: Am Ende hält sie ein Bild des damaligen Papstes Johannes Paul II. in die Kamera. Und zerreißt es in kleine Fetzen. „Fight the real enemy!“, fordert sie anschließend.

Die US-amerikanische Öffentlichkeit zeigt sich als Reaktion wenig überaschend empört und gewohnt misogyn: Schauspieler Joe Pesci, der die folgende Woche die Show hostet, sagt, dass er sie „vermöbeln“ würde. Frank Sinatra droht, ihr „in den Arsch zu treten“. The Washington Times deklariert sie als das „Gesicht des puren Hasses“. Johannes Paul II. selbst äußert sich neun Jahre später, aber nicht zu O’Connors Performance. Sondern zu der Realität der systematisch verschwiegenen sexuellen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche.

Ein furchtloses Gesicht

Sinéad O’Connors Gesicht war nicht hasserfüllt, sondern furchtlos. Ihr mitunter tragisches Leben und Schaffen war gefüllt mit solchen künstlerischen Meisterleistungen und großen Kontroversen. Nun ist sie am 26. Juli 2023 gestorben. Sie wurde nur 56 Jahre alt.

Sinéad Marie Bernadette O’Connor wurde am 8. Dezember 1966 in Dublin geboren. Laut eigener Aussage war ihre Kindheit und Jugend von häuslicher Gewalt geprägt. Im Alter von 15 Jahren wurde sie nach Diebstahlsversuchen in eine Besserungsanstalt für junge Mädchen eingewiesen. An diesem Ort begann sie, eigene Musik und Texte zu schreiben. Mit 18 gründete sie ihre erste Band, Tonton Macoute, die ihr die Aufmerksamkeit des britischen Labels Ensign Records einbrachte. 1987 veröffentlichte sie ihre Debütalbum „The Lion And The Cobra“. Singles wie der kantig-elegante Art-Rock-Track „Mandinka“ verscchafften ihr erste Chart-Erfolge – die aber vom 1990er Nachfolger „I Do Not Want What I Haven’t Got“ noch meilenweit übertrumpft werden sollten. Mit „Nothing Compares 2 U“ enthielt es ihren größten Hit – und auch darüber hinaus gilt es als einer der Alternative-Pop-Meilensteine des Jahrzehnts (mit allerlei interessanten Gastmusikern aus dem Pop-Underground, wie Public-Image-LTD-Bassist Jah Wobble und The-Smith-Bassist Andy Rourke).

Protest-Sängerin statt Pop-Star

„I Do Not Want What I Haven’t Got“ wurde für vier Grammy Awards nominiert (und gewann einen), doch O’Connor verweigerte die Teilnahme an der Preisverleihung. Als Grund gab sie in einem offenen Brief die starke Kommerzialisierung des Events an: „Sie [die Jury] respektieren nur materiellen Gewinn, da dass der einzige Grund ist, warum sie überhaupt existieren.“ Mit Statements wie diesem (und natürlich auch dem Papst-Eklat) machte O’Connor sich im Musikbusiness so einige Feinde. Auch die Klatschpresse ergötzte sich an ihren zahlreichen öffentlichen Tragödien, von einem mutmaßlichen Suizid-Versuch 1993 über ihre diversen Breakdowns in sozialen Medien bis zum tragischen Selbstmord ihres 17-jährigen Sohnes Shane im Jahr 2022.

Ihr letztes Studioalbum „I’m Not Bossy, I’m The Boss“ erschien im Jahr 2014. Erst im Februar 2023 veröffentlichte sie noch einen neuen Song, ein Cover des gälischen Folk-Songs „The Skye Boat Song“. Ihren Namen hatte sie 2017 zu Magda Davitt geändert (als „Befreiung von den elterlichen Flüchen“), 2018 benannte sie sich nach ihrer Konvertierung zum Islam zu Shuhada‘ Sadaqat um. 2021 veröffentlichte sie ihre Autobiografie „Rememberings“, in der sie unter anderem auch ihre SNL-Performance reflektiert: „Weißt Du, alle wollen einen Pop-Star. Ich bin aber eine Protest-Sängerin. Ich musste mir Sachen von der Seele reden. Berühmt sein wollte ich nicht.“

Das könnte Dich auch interessieren:



Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.