Konzertbericht: Dear Reader im Konzerthaus III&70, Hamburg, am 22. Januar

Dear Reader (City Slang)Dear Reader (City Slang)

„He climed into the belly of a great white bear.“ Diese Zeile stammt aus Dear Readers „Great White Bear“ und momentan fühle ich mich wie im Bauch dieses großen weißen Bäres. Es ist eng und ein bisschen stickig. Nur nach Fisch riecht es nicht.

Ich bin im Kulturhaus III&70 im Hamburger Schanzenviertel und bin noch ganz überrumpelt von den vielen, vielen Menschen, die sich in die kleine, aber sehr feine Location gezwängt haben. Dear Reader spielen heute auf und mit solch großem Publikum habe ich nicht gerechnet. Ein Abend mit toller Musik in heimeliger Atmosphäre und mit wunderbaren Klängen, das war eher die Vorstellung. Nun sind es also mehr Menschlein und damit wird es umso kuscheliger. Der Bauch des großen Bäres ist eben doch begrenzt. Umso besser!

Beim Reinkommen spielt bereits die Vorband The Good Morning Diary. (Ich gebe zu, ich kam fünf Minuten zu spät. Aber welches Konzert fängt schon pünktlich an? Na, ganz offensichtlich dieses.) Die Hamburger machen poppigen Pop, bestehend aus Schlagzeug, Cello, Gitarre und Gesang. Auf den ersten Blick ist das ganz nett, auf den zweiten irgendwie ein bisschen zu viel Sunrise Avenue. Die Töne sind groß und schwer, die Texte leicht schmalzig anklingend. Aber gut, die Vorband erfüllt ihre Funktion: Sie stimmt das Publikum ein. Leider sorgt sie aber nicht für Stimmung. Das ist bei diesem Publikum vielleicht auch nicht so einfach. Es ist eine bunte Mischung von allem: viele Frauen, erstaunlich viele Männer (die nicht Teil eines Pärchens sind), so einige Allein-Konzert-Gänger, die Quoten-Pärchen und die typischen Schanzen-Vertreter. Kein einfaches Publikum für The Good Morning Diary. Nach 30 Minuten werfen sich die erstaunlich wenigen Knutschepärchen ihr Küsschen zu, der Rest applaudiert höflich und die Band geht von der Bühne.

Der Bärenbauch wird immer voller und enger. Ein kurzes Entspannen in der Umbaupause und dann geht alles ganz unvermittelt los. Ohne dass man es mitbekommen hätte, stehen Dear Reader auf der Bühne und spielt den ersten Song. Mir ploppt sofort ein “bezaubernd“ in den Kopf. Allein die Besetzung der Band: Da stehen zwei Damen an der Mikrofonfront, so entzückend anzuschauen und voll und ganz in ihre Musik vertieft. Sie machen die Augen fast nie auf beim Singen, sind sofort im Musik-Spiel-Modus und ganz hinreißend. Hinter ihnen steht eine bunte Kelle “Alles“. Der Schlagzeuger sieht aus wie ein verkappter Heavy Metaller, der Bassist wie ein Mathematiker und der Akkordeonist/Gitarrist könnte BWLer sein. Eine ganz wunderbare Band, die ein ganz wunderbares Konzert spielt. Die Songs klingen perfekt,die klare Stimme von Sängerin Cherilyn MacNeil ist unbeschreiblich schön. Das Quintett spielt mit kleinen experimentellen Einlagen, setzt mal hier einen Akzent, mal dort und schafft eine gute Mischung aus alten und neuen Liedern. Ich höre mich selbst immer wieder “wie bezaubernd“ seufzen. Die Ansagen zwischen den Stücken sind, wie sollte es anders sein, entzückend. Die Band hat Spaß, freut sich über die „warm crowd“ und überträgt diese Stimmung mit viel Charme auf das Publikum. Kleine Pannen und Patzer machen das Ganze irgendwie rund und nur noch hinreißender.

Der Bauch des weißen Bäres fühlt sich so sympathisch und warm an, dass die knappen 90 Minuten ganz schnell rum sind. Nach zweimaliger Zugabe sind auch die letzten im Publikum ganz offiziell in Cherilyn MacNeil verliebt. Als sie endgültig von der Bühne geht, ist ein leichtes Seufzen zu vernehmen. Ach, wär es doch nie vorbei. So ein Bärenbauch, der ist schon etwas Schönes …

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