Neue Platten: Tycho – „Dive“

(Ghostly International)

5.5

Scott Hansen muss wohl ziemlich viel zu tun haben. Sein letztes Album unter seinem Künstlernamen Tycho erschien 2006. In der Zwischenzeit gab es sporadisch einige Singles. Kein Wunder, denn Musik ist nur ein Standbein des Kaliforniers. Seine Brötchen verdient er als Grafikdesigner und Allround-Künstler, verkauft seine Illustrationen unter dem Namen ISO50 auf der gleichnamigen Website, die von einer internationalen Leserschaft besucht wird. 2005 zog Hansen von Sacramento ins deutlich größere San Francisco. Nicht der Musik wegen, sondern wegen seiner anderen ordentlichen Arbeit als Grafiker: „I’ve lived in San Francisco for six years and I don’t go out much because I’m so focused on work.”

Wie die meisten seiner Arbeiten ist auch „Dive“ retrofuturistisch geraten. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liegen hier dicht beieinander. Tycho legt wert auf warme, langatmige Klangcollagen. Dem entspricht auch das Coverbild: eine entfremdete, untergehende Sonne, gestaltet in sättigungsarmen Rot- und Blautönen. Wie am Sättigungs- und Kontrastregler seiner Bildbearbeitungssoftware, dreht Tycho eben auch am Synthesizer. Oder zerrt an Gitarrensaiten. An denen nämlich wurde „Dive“ konzipiert. Nicht etwa am Computer. Das hört man erst so richtig, wenn man es weiß. Denn wer denkt bei den Worten Grafikdesigner und Elektronikproduzent heute noch an jemanden, dessen Leben sich nicht vorzugsweise in digitalen Parallelwelten abspielt? Die Gitarre trägt die Platte, gibt ihr eine psychedelisch-trunkene Note, scharf vorbei am Rauschzustand. Den verhindern die recht unspektakulären Beats, die über Tychos sonst so goldene Klanglandschaften rumpeln. Musik für Roadmovies. Eine Art „Durch-die-Sonne-rumpeln“.

„Hours“ erinnert an das Produzenten-Duo Boards Of Canada, mit sehr kurvigen Melodiebögen, die einen monotonen Off-Beat umgarnen. Gesungen wird kaum. Lediglich in „Ascension“ (auf Deutsch „Auffahrt“ oder „Aufstieg“), das luftig-locker-flockig produziert ist, glaubt man, ein paar Meerjungfrauen jaulen zu hören. Im Titeltrack, das mit über acht Minuten längste Stück der Platte, hört man schließlich (wenn auch nur als Sample) endlich Gesang. Entspannung. Eine Frauenstimme verkündet träumerisch: „riiiiiiise“. Aufsteigen mal wieder. Ein Höhepunkt der Platte dennoch, denn beim häufigen Hören liegen träumerisch und schläfrig, lang gezogen und langweilig mehr als einmal sehr dicht beieinander. So richtig abtauchen kann man da leider nicht. Man wird ohnehin mehrmals in die entgegengesetzte Richtung, nach oben, verwiesen. Ganz interessant: Fast alle Tracks beginnen vielversprechend, verlieren sich dann aber in minutenlangen Loop-Passagen, deren Ende häufiger als einmal herbeigewünscht wird. Trotz alledem kann man „Dive“ nicht so richtig nicht mögen. Zu freundschaftlich wirkt es, leicht eiernd, nicht perfekt. Das liegt wohl an der Gitarre, die fehlbarer ist als ein Computer-Beat.

Und wem bei „Dive“ die Augen zu fallen, der kann ja immer noch Tychos Remix von Little Dragons „Little Man“ anhören und downloaden.

Tycho - Hours [Dive LP - Nov. 2011] by Tycho

Label: Ghostly International | Kaufen

Das könnte Dich auch interessieren:



Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Neue Platten: Tycho – „Dive“ – ByteFM MagazinSacramento.ch | Sacramento.ch
    Nov 16, 2011 Reply

    […] ByteFM Magazin […]

Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.