„A lifetime could have been the end“ – Nick Drake in fünf Songs

Nick Drake wäre 70 geworden

„Now we rise / And we are everywhere“ – Nick Drake wäre 70 Jahre alt geworden (Foto: Island Records)

Der Fluss, der Morgen, der Mond, die Blätter – die Natur ist sehr präsent in den Liedern von Nick Drake. Beim Hören seiner Musik fällt es jedoch nicht sofort auf, dass über seinem Leben ein dunkler Schatten lag: Am 25. November 1974 starb er an einer Überdosis Antidepressiva. Der scheue Sänger, Gitarrist und Songschreiber hinterließ der Welt so gut wie keine Live-Aufnahmen oder Interviews, sondern nur Musik. „Five Leaves Left“, „Bryter Later“ und „Pink Moon“ – drei beeindruckende Folk-Platten.

Am 19. Juni 2018 wäre der Musiker 70 Jahre alt geworden. Wir haben fünf Songs gesammelt, die einen musikalischen Querschnitt durch das Leben und Werk des Nicholas Rodney Drake darstellen.

„River Man“ (1969)

Gemeinsam mit seinem Produzenten und Mentor Joe Boyd ging Drake im Jahr 1968 in das Londoner Sound Techniques Studio, um sein Debüt „Five Leaves Left“ aufzunehmen. Das Duo war sich nicht immer einig: Boyd wünschte sich detailverliebte George-Martin-Arrangements, während Drake einen puristischen Folk-Sound bevorzugte. „River Man“, das zentrale Stück des Albums, vereint beides: „Eleanor-Rigby“-Streicher füllen den Raum, das Zentrum wird jedoch komplett von Drakes Gitarrentupfern und seiner zarten Stimme besetzt. Trotz des ungeraden 5/4-Pulses fließt der Song in fast schon sakraler Ruhe. Es ist sein erstes Meisterwerk.

„One Of These Things First“ (1970)

Nachdem „Five Leaves Left“ 1969 mit enttäuschenden Verkaufszahlen veröffentlicht wurde, war Boyd der festen Überzeugung, dass sein Sound poppiger werden sollte. Nach langem Zögern willigte Drake ein. Ein Jahr später erschien „Bryter Later“ und spätestens mit den käsigen Jazz-Pop-Trompeten von „Hazey Jane II“ wird klar, dass diese Entscheidung nicht besonders gut war. Doch unter der veralteten 70er-Pop-Oberfläche lauern einige der besten Songs, die Drake jemals geschrieben hat. Ein gutes Beispiel ist das vergleichsweise minimalistisch arrangierte „One Of These Things First“, eine fantastische Demonstration von Drakes virtuoser Fingertechnik, mit der er mühelos mit dem komplizierten, vom Beach-Boys-Schlagzeuger Mike Kowalski beigesteuertem Jazz-Drumming mithalten konnte. Neben seinem musikalischen Talent zeigt es auch den Poeten Nick Drake in Höchstform: „I could have been your statue / Could have been your friend / A whole long lilfetime could have been the end.“

„Pink Moon“ (1972)

Trotz des poppigeren Ansatzes wurde „Bryter Later“ ein Flop. Die Enttäuschung trieb Drake weiter in seine Depression, Monate lang verließ er seine Wohnung nicht. Obwohl sein Label Island Records weder mit einem dritten Album rechnete noch überhaupt ein weiteres wollte, zog es ihn im Oktober 1971 ein letztes Mal in das Sound Techniques Studio. Für „Pink Moon“ strich er all den Produktions-Pomp von „Bryter Later“, stattdessen zeigt die Platte komplett nur einen Künstler mit seiner Gitarre. Die einzige Ausnahme: Eine absteigende Klavier-Melodie, die wie ein plötzlicher Sonnenaufgang durch den titelgebenden ersten Song strahlt. Ein seltener Hoffnungsschimmer in einem von Trauer und Verzweiflung geprägten Album, einer der schönsten Momente der Pop-Musik.

„Black Eyed Dog“ (1974)

Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill nannte seine Depression einst einen schwarzen Hund, der nie von seiner Seite weicht. Dieses Bild verwendete Drake in „Black Eyed Dog“, einem seiner letzten Songs, geschrieben für sein viertes Album, das niemals fertig gestellt werden sollte. Jahre nach seinem Tod ist er als Demo-Aufnahme erschienen. „I’m growing old and I wanna go home / I’m growing old and I dont wanna know“, sang Drake über ein an frühen Delta-Blues erinnerndes Gitarren-Arrangement. Es fällt schwer, „Black-Eyed Dog“ nicht als Schwanengesang eines zutiefst verstörten, sehr talentierten Künstlers zu verstehen.

„Poor Mum“ (ca. 1952)

Einer der frühesten und möglicherweise wichtigsten Einflüsse auf die Musik von Nick Drake war seine Mutter Molly. Obwohl sie keinerlei Ambitionen für eine künstlerische Karriere hatte, war sie eine talentierte Komponistin, die am Piano in ihrem Haus in der britischen Kleinstadt Tanworth als Hobby Songs für sich selbst und ihre Kinder schrieb. Einige dieser Stücke wurden von ihrem Ehemann Rodney im heimischen Wohnzimmer aufgenommen – Lo-Fi-Recordings, die 2011 vom Label Squirrel Thing veröffentlicht wurden. Was eigentlich nach Familienidylle klingen müsste, ist stattdessen ein intimer, tieftrauriger Einblick in die unerfüllten Träume einer Mutter. „Poor mum, poor mum / Pack up that last little yearning / Pack it away with the books and the toys“, sang sie mit dem gleichen Gespür für Melancholie, das Jahrzehnte später die Musik von Nick Drake auszeichnen sollte. Als Molly Drake 1993 in Tanworth beerdigt wurde, stand eine Textzeile ihres Sohnes auf dem Grabstein: „And now we rise / And we are everywhere.“

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