Peaches: „I Feel Cream“ wird zehn Jahre alt

Cover des Albums „I Feel Cream“ von Peaches

Peaches – „I Feel Cream“ (XL Recordings)

„The Teaches Of Peaches“, das 2002 veröffentlichte Debütalbum von Merrill Beth Nisker aka Peaches, war unaufhaltsam wie eine Dampfwalze. Die kanadische Künstlerin fand auf dieser LP ein mächtiges Erfolgsrezept: Electroclash-Beats, Punk-Esprit und HipHop-Swagger als Grundgerüst für ihre zwischen konfrontativem Sprechgesang und kraftvollem Riot-Grrrl-Gesang oszillierende Stimme. Gespickt mit Textzeilen, die sich sofort ins Hirn einbrannten: „Suckin‘ on my titties like you wanted me / Callin me, all the time like blondie / Check out my chrissy behind / It’s fine all of the time“ waren nur ein paar davon.

Eine Grundformel, von der Nisker auf den nachfolgenden Alben nicht wirklich abwich. Nach dem explosiven Start von „The Teaches Of Peaches“ wirkten „Fatherfucker“ und „Impeach My Bush“ ein bisschen zu berechenbar, zu sehr wie Malen nach Zahlen. Eine Neuentwicklung musste her. Doch in welche Richtung? Nach oben, in Richtung Pop. Wie sie das schaffen konnte, ohne dabei ihre aggressive Integrität zu verlieren, zeigt ihr fünftes Album „I Feel Cream“, das am 1. Mai 2019 zehn Jahre alt wird.

Der Dancefloor bricht unter den Füßen weg

„I turned the task done electroclash / I bat my lash and outlast the backlash“ – die erste Zeile von „Serpentine“, dem Song, der „I Feel Cream“ eröffnet, wirkt wie ein Statement. Niskers Stimme ist ein Flüstern, aber der Text ist so direkt, wie er nur sein könnte: „Vergesst die alte Peaches, hier kommt die neue“, scheint er zu schreien. Und die begleitende Musik unterstützt das Statement: die Bass-Drum ist nicht verzerrt und krisselig wie auf ihren frühen Lo-Fi-Platten, sondern glasklar wie Kirchenglocken – und genauso wuchtig. Die Bass-Frequenzen schaben an der Magenwand. Waren die Beats von „Teaches Of Peaches“ noch elektronischer Punk, zeigt „I Feel Cream“ Peaches‘ subversiven Entwurf von Club-Musik. Aufwendig, poppig produziert, aber auf eine andere Art und Weise bedrohlich.

Für diese hundsgemeine Dance-Music engagierte Niskers große Namen der alternativen Nullerjahre-Electronica: Sowohl Simian Mobile Disco als auch Digitalism und Soulwax saßen an den Reglern. Auch ihr alter Weggefährte Chilly Gonzales steuerte Musik bei. Deren aufgeräumtere Beats ließen ihr viel Platz für ihre Stimme, die sie auf „I Feel Cream“ so vielseitig wie noch nie zuvor entfalten konnte: In „Lose You“ gibt sie eine verletzliche Croonerin, in „Talk To Me“ eine mächtige Rock-Diva – und in „Billionaire“ rappt sie so hardcore wie ein weiblicher Ol‘ Dirty Bastard.

Und dann gibt es noch den Titeltrack, der die Bipolarität dieses Albums sehr gut zusammenfasst: Er beginnt mit zarter Kopfstimme, entfaltet einen großen Refrain – nur um einem in der Bridge mit einem unnachahmlichen Peaches-Rap den Dancefloor unter den Füßen wegzureißen. Chartstaugliche Hooklines, Seite an Seite mit gefährlichem Sprechgesang. Anschmiegsam und überrollend. Und beides funktioniert wunderbar.

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