Visionäre Roadmovies für die Ohren

Am Neujahrstag ist die Sängerin Lhasa de Sela gestorben – ein Nachruf von Stefan Franzen

Aus dem tiefen Winter von Montréal kam vor wenigen Tagen zur Eröffnung des Jahrzehnts eine traurige Botschaft: Am Neujahrstag ist die US-mexikanische Singer/Songwriterin Lhasa de Sela nach zweijährigem Kampf gegen den Brustkrebs mit 37 Jahren gestorben. „La Route Se Tait“, „über die Straße legt sich Schweigen“, titelt eine französische Fanpage ihren Nachruf und zitiert dabei aus einem ihrer Songs. Denn tatsächlich war für Lhasa Zentrum ihres Lebens immer die Straße. „Wenn man aufwächst wie ich, dann empfindet man das Leben als Abenteuer mit einem Duft von Magie und Mysterium“, sagte sie.

1972 wird sie als Tochter eines mexikanischen Schriftstellers und einer amerikanischen Schauspielerin geboren. Die gesamte Kindheit verbringt sie in einem Wohnmobil, pendelnd zwischen Mexiko und den USA. Ein Leben ohne Fernsehen, ohne kurzlebige Musikmoden, dafür aber mit umso mehr Büchern vom Vater und den traurig-zeitlosen Lieblingssongs der Mutter. In San Francisco tritt sie erstmals in einem kleinen griechischen Café als Sängerin auf. Die Passion hat sie seitdem nicht mehr losgelassen: „Wenn ich singe, kann ich alle Gefühle ausdrücken, die ich mit Worten nicht transportieren kann. Alle Traurigkeit, alle Melancholie und alle Wut.“ Ihren Vorbildern gemeinsam ist kompromisslose, schmerzliche Intensität: Billie Holiday, die Callas, Björk, die große alte Dame des mexikanischen Liedes Chavela Vargas, aus dem Chanson ein Jacques Brel. Ihr dunkles Timbre ist unter Tausenden wiederzuerkennen: „Lhasa singt, als hätte sie drei Jahre lang geheult, nun aber beschlossen es nie mehr zu tun“, schrieb ein Journalist einmal treffend.

Durch ihre drei Schwestern, die für den weltbekannten Cirque Du Soleil arbeiten, gelangt Lhasa 1991 schließlich nach Montréal. Eine glückliche Fügung: Denn in der franko-kanadischen Metropole lernt sie den Rockgitarristen Yves Desrosiers kennen, er kann sich auf die ungestüme, wilde Leidenschaft ihrer Stimme einlassen. Sie schreiben Songjuwelen, die von aztekischen Volksmythen, expressiven Naturbildern und besessener Liebesnostalgie künden. 1997 veröffentlichen sie das Debüt „La Llorona“ – ein bittersüßes, melancholisches und sehnsüchtiges Werk, die Seele Mexikos, die Fußspuren von Tom Waits, der feurige Atem des Balkans, Cabaret- und Zirkus-Flair schillert darin. Dazu schreibt Lhasa Bohème-Poesie, die aus den Erfahrungen eines unsteten Lebens geboren wurde: Roadmovies für die Ohren. Trotz großen Erfolges, vor allem in Frankreich, wo sie ein Star wird, plant die Nomadin keine Fortsetzung der Plattenkarriere.

Lieber tingelt sie mit ihren Schwestern umher, lässt in Marseille die Seele baumeln. Sieben Jahre später erst bündelt sie ihr Vagabundentum erneut zu Musik, „The Living Road“ heißt der atemberaubende Songzyklus. Er beherbergt Liebesgedichte von elementarer Sinnlichkeit, verletzliche Walzer, träumerische Balladen zwischen Latin und Chanson, skurrilen Blues. Eine wehmütige Balkan-Trompete siedelt neben Slide-Gitarren, romantische Cello-Linien neben wuchtiger Perkussion. Und mittendrin stets diese dunkle Stimme, die mal wie eine offene Wunde klagt, dann wieder wie eine heilsame Tinktur ins Ohr sickert, auf Spanisch, Französisch und Englisch. Eher unfreiwillig wird sie ein Weltmusik-Star, ihre Songs tauchen in Science Fiction-Streifen auf, sie gewinnt den BBC World Music Award, kollaboriert mit Stuart Staples von den Tindersticks und mit Arthur H.

Vor zwei Jahren schleicht sich die Krankheit in ihr rastloses Leben. Ihre letzte Scheibe, schlicht „Lhasa“ betitelt, erzählt von einem Reich zwischen Vision und Verzweiflung. Reduziert ist die Besetzung mit Harfe, Pedal Steel und Piano, Country- und Gospeltöne scheinen auf, ihre Stimme wirkt unmittelbarer und zerbrechlicher denn je. Eine Reduktion, die an manchen Stellen kaum zu ertragen ist, schon auf Jenseitiges hindeutet, ähnlich wie in Nick Drakes „Pink Moon“-Album. Mit dem Tod hat sie sich auch immer wieder in ihren Texten auseinandergesetzt, und so soll Lhasa, die am 01.01.2010 ins Herz der Welt getragen wurde, auch selbst das Schlusswort haben:

„Bald wird dieser Raum zu klein sein
ich werde nach draußen gehen zu den großen Hügeln,
wo der wilde Wind bläst und die kalten Sterne scheinen.
Ich werde meinen Fuß auf die lebendige Straße setzen
und werde von hier zum Herzen der Welt getragen werden.“

Am Dienstag, den 19.01. widmet sich der Navigator ab 20 Uhr eine Stunde lang der verstorbenen Sängerin.

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