Fiona Apple – „Fetch The Bolt Cutters“ (Rezension)

Cover des Albums „Fetch The Bolt Cutters“ von Fiona Apple

Fiona Apple – „Fetch The Bolt Cutters“ (Epic)

9,2

Holt den Bolzenschneider – Fiona Apple ist wieder da. Wenn die in Los Angeles residierende Künstlerin ein neues Album veröffentlicht, fühlt sich das direkt wie ein Event an. Zwischen Fiona-Apple-LPs ziehen gerne viele Lenze ins Land. Ihr letztes Werk „The Idler Wheel Is Wiser Than The Driver Of The Screw And Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do“ erschien 2012, der Vorgänger „Extraordinary Machine“ weitere sieben Jahre vorher. Apple nimmt sich gerne Zeit – und wer ihre detailverliebt komponierte Musik und messerscharf phrasierten Texte kennt, weiß warum. Solche Songs schreibt man nicht einfach so. Die müssen wachsen.

Ihr nun erschienenes fünftes Studioalbum als ein „Event“, ein „Happening“ abzutun, ist jedoch eine Untertreibung. „Fetch The Bolt Cutters“ ist soviel mehr. Apple verbrachte die letzten Jahre eremitisch in ihrem Haus am Venice Beach, genau dort entstand auch der Großteil dieses Albums. Sie und ihre Band – zusammengesetzt aus dem Bassisten Sebastian Steinberg, dem Gitarristen Davíd Garza und der Schlagzeugerin Amy Aileen Wood – zweckentfremdeten ihr Haus als Instrument. Sie trommelten, stampften, kratzten und schabten auf allem, was ihnen in die Quere kam. Auf einem metallenen Schmetterling. Auf Stühlen, auf dem Boden. Laut einer jetzt schon legendären Anekdote trommelte Apple auch auf einer Box, gefüllt mit den Knochen ihres geliebten verstorbenen Hundes.

Kratzen, Stampfen, Knurren, Jauchzen

Und genauso klingt dieses Album auch. Rhythmik war für Apple schon immer wichtig, von den Breakbeats ihrer zweiten LP „When The Pawn…“ bis zu den experimentelleren Momenten von „The Idler Wheel…“. Doch „Fetch The Bolt Cutters“ ist ein ganz anderes Biest. Der Opener „I Want You To Love Me“ beginnt noch als „relativ“ konventionelle Klavierballade, ein Liebeslied, heruntergebrochen auf seine essentiellsten Elemente. Ich will, dass Du mich liebst. Doch dann ballert zum Ende plötzlich eine überlebensgroße Bassdrum los, peitscht ihre Wörter – „I want you to blast the music / Bang it, bite it, bruise it“ – in höchste Stratosphären. Und Apple zieht mit, lässt ihre Stimme freidrehen. Sie knurrt, sie jauchzt, sie ächzt. Was am Anfang noch ein Regina-Spektor-Stück sein könnte, klingt plötzlich wie ein Freakout der US-Performancekünstlerin Diamanda Galás. Ein Song, der das Zwerchfell zum Vibrieren bringt.

Und es geht noch heftiger weiter. Apple spielt ihr Piano wie ein Drumset, bis man die Hammer förmlich auf seinem Trommelfell spüren kann. Im Titeltrack wird ein Hundebellen Teil des Rhythmus. „Relay“ oszilliert zwischen Punk-Beats und Gospel-Stampfen. Ein omnipräsentes Knarzen und Klatschen zieht sich durch die LP, das man seit dem Industrial-Blues von Tom Waits nicht mehr gehört hat.

Mächtiger noch als die Musik sind die Texte. Wenn Fiona Apple ein Ziel im Visier hat, dann zerstört sie es. In „Cosmonauts“ braucht sie dafür nur acht Wörter. „Your face ignites a fuse to my patience.“ Ein schlichter Satz – und trotzdem möchte man sich beim Hören reflexartig ducken. In „Relay“ holt sie ein bisschen weiter aus. „I resent you for being raised right / I resent you for being tall / I resent you for never getting any opposition at all / I resent you for having each other / I resent you for being so sure / I resent you presenting your life like a fucking propaganda brochure.“ Die sozialen Medien sind heutzutage ein leichtes Ziel für wütende Lieder, dennoch: hätte der CEO von Instagram ein bisschen Anstand, er würde nach diesem Song seine Plattform komplett löschen.

Das Unaussprechliche aussprechen

Apple beschreibt sowohl Mikroaggressionen – ein Abendessen, zu dem einen der Ex-Freund wider Willen mitgeschleppt hat – als auch die schlimmsten Gewalttätigkeiten, zu denen Menschen fähig sein können. „Good morning / You raped me in the same bed your daughter was born in“ ist eine Zeile, die man nicht mehr vergessen kann. Apple singt diese Zeile in „For Her“ im Chor mit sich selbst, in maximaler Lautstärke, als wären die Worte alleine nicht schon unausweichlich genug. „Um zu verstehen, was ihnen passiert ist, müssen manche Menschen es laut aussprechen“, erklärte Apple in einem Interview. Wie der Titel verspricht, ist der Song an eine Freundin adressiert. Apple erzählt ihre Geschichte für sie, eine Geschichte, die sie selber nicht erzählen kann. Ein Versuch, das Unaussprechliche auszusprechen.

Das scheint ein wichtiger, verbindende Faktor zwischen diesen Songs zu sein: Solidarität. In „Ladies“ reicht sie der neuen Freundin ihres Ehemaligen die Hand. Zusammenhalt ist stärker als Eifersucht. „And no love is like any other love / So it would be insane to make a comparison with you“. In „Newspaper“ warnt sie jemanden vor einer toxischen Person, mit der sie selbst einst liiert war: „I wonder what lies he’s told you about me / To make sure that we’ll never be friends.“ Dass sie keine Freundinnen sein können, sieht sie gar nicht ein. In „Heavy Baloon“ beschreibt sie eine stetig nagende Depression – deren Zähne wie die einer Ratte einfach nicht aufhören zu wachsen. Und gibt dabei auch Raum für Hoffnung: „I spread like strawberries / I climb like peas and beans“, singt sie im Refrain, nicht nur als Aufmunterung an sich selbst, sondern als Balsam für alle zuhörenden Leidenden.

Mit ihren perkussiven Kanten mag sich diese Musik nicht unbedingt direkt so anfühlen, doch im Kern findet sich große, nährende Wärme. Apple nennt „Fetch The Bolt Cutters“ ein Album über den Mut, die Stimme zu erheben. Es braucht auch ein bisschen Mut, diesem Album zuzuhören. Genau wie es Zeit braucht, solche Musik zu schreiben, verlangt sie auch Zeit beim Zuhören. Beides lohnt sich. „Fetch The Bolt Cutters“ ist kein verdammtes Event. Es ist ein Meisterwerk.

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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