Golden Diskó Ship – „Oval Sun Patch“ (Rezension)

Cover des Albums „Oval Sun Patch“ von Golden Diskó Ship

Golden Diskó Ship – „Oval Sun Patch“ (Karaoke Kalk)

7,5

Die Musikerin und Klangforscherin Theresa Stroetges ist seit mittlerweile 15 Jahren die Ein-Personen-Band Golden Diskó Ship. 2010 gab es eine Split-CD mit Jasmina Maschina auf Gudrun Guts Label Monika Enterprise, 2012 folgte das Debütalbum „Prehistoric Ghost Party“. Das wurde auf Klangbad veröffentlicht, dem Label von Hans Joachim Irmler, einem Mitglied der Krautrock-Institution Faust, die es mittlerweile in zwei Versionen gibt (einmal mit Irmler, einmal mit dem Rest der Ur-Band von Faust). Diese ersten anderthalb Alben beinhalteten verwaschene und verwunschene Home-Recordings auf Basis von freakig-folkiger Gitarre und selbstgebastelter Elektronik. Aber Veränderung ist der Motor bei Golden Diskó Ship. Die Reise führte weiter, nach Lissabon und nach Indien, zu Schneider TM und Rashad Becker, zu Spezialmaterial Records, Karlrecords, Karaoke Kalk. Ein neues Album bedeutete auch immer ein neues Label.

Eigensinniger Eklektizismus

Es ist müßig, die ganzen Einflüsse aufzuzählen, die Theresa Stroetges im Laufe der Jahre eingesammelt hat, aber all diese Namen steckten ein immer breiteres Feld ab: Krautrock, Experimental, Klassik und Neue Musik. Was aus den Anfangstagen blieb, war der Fokus auf die vielseitigen Formen von Intelligent Dance Music im Mix mit eher altmodischen Gitarren-Genres (Folk, Blues, Psychedelic-Rock). Theresa Stroetges hat damit einen eigensinnigen Eklektizismus kultiviert – und Pop war immer dabei, natürlich. Eine künstlerische Erfolgsgeschichte, die leider (vergleichsweise) wenig Widerhall gefunden hat.

Seit Kurzem ist das fünfte Album „Oval Sun Patch“ da. Es sollte poppig und zugänglich werden. Der Vorgänger „Araceae“ von 2020 war noch keine vollständige Corona-Geburt, hat sich bei Release aber wie eine angefühlt. Technoider Grimes-Pop, stellenweise auffallend kalt und maschinell. Musik für dunkel-pulsierende Lavalampen. Der offene Raum war nurmehr ein Sehnsuchtsort. Im Vergleich dazu wirkt „Oval Sun Patch“ wie der hell strahlende Gegenentwurf. Der Opener „Dolphins With Soft Helmets“ ist ein quirliger, mit Glass-Candy-Drive ausgestatteter Space-Trip, der immer wieder in andere Richtungen abbiegt. Theresa Stroetges hat auf „Oval Sun Patch“ mal wieder Teile von Musikstilen auf überraschende Weise zusammengedacht und ist trotzdem nicht in der Referenzhölle von „Musik über Musik“ gelandet.

Prog-Rock-Update

Anyway, was da zusammengeht, ist unerhört: Meist auf dem Rücken eines IDM-Grundgerüsts dürfen sich Art-Pop und 80s-Disco entfalten, mal begleitet, mal unterbrochen von feinfühligen Gitarren-Miniaturen. Reminiszenzen an Tuareg-Rock und Desert-Blues lassen sich auf „Ephemeral Carnivores“ finden. Und noch ein unerwarteter Genre-Hop: Der längst verstaubt geglaubte Prog-Rock der 70er-Jahre hat neuerdings durch Künstler*innen wie L’Rain („Pet Rock“) ein kleines Update bekommen und taucht auch hier zumindest in Versatzstücken auf: Das liegt einerseits an den Vocals, die an versetzte Vielfach-Gesänge à la Gentle Giant gemahnen („Dolphins With Soft Helmets“, „Google Your New Name“), andererseits an der das Album abschließenden Mini-Suite „Earth Before The Space Race Pt. I-III“.

Sowieso liegt ein besonderes Augenmerk auf dem bevorzugt euphorisierten, immer hymnischen, manchmal sehnsüchtigen Gesang („Tiny Islands“): Deutlich nimmt sich Theresa Stroetges die von ihr verehrte Björk zum stimmlichen Vorbild, auch die Vokal-Experimente von Holly Herndon oder Marina Herlop klingen immer wieder an.

Wer da trauert ob des Verlusts der brüchigen Lo-Fi-Ästhetik der Anfangsjahre von Golden Diskó Ship, muss zugeben, dass aus dem nachhörbar entfalteten Selbstbewusstsein der Künstlerin Klarheit in Produktion und Struktur erwachsen sind. Dass trotz der spannenden Erzählstruktur zum ersten Mal bei Golden Diskó Ship das zentralverwaltete Musikmachen die Reibungseffekte mehrerer Bandmitglieder merklich vermissen lässt, ist das kleine Problem von „Oval Sun Patch“. Das vermeintliche Gütesiegel „All Instruments Played By Golden Diskó Ship“ wäre vielleicht zu überdenken.

Veröffentlichung: 8. Dezember 2023
Label: Karaoke Kalk

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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