Oum Shatt – „Opt Out“ (Rezension)

Cover des Albums „Opt Out“ von Oum Shatt

Oum Shatt – „Opt Out“ (Wanda Y. Records)

8,0

Oum Shatts gleichnamiges Debütalbum hatte sich nach seiner Veröffentlichung im Jahr 2016 schnell zu einem Liebhaber*innenstück entwickelt. Seitdem sind acht Jahre vergangen und die Einsicht gereift, dass es sich bei Oum Shatt nur um ein zwischenzeitliches Projekt von eigentlich viel zu beschäftigten Musikern gehandelt hat.

Und jetzt gibt es mit „Opt Out“ tatsächlich ein neues Album von Oum Shatt. Das Besetzungskarussell hat sich gedreht: Hannes Lehmann und Jörg Wolschina sind nicht mehr dabei. Übriggeblieben sind Chris Imler (Drums), Richard Murphy (Gitarre) und natürlich der hauptverantwortliche Sänger und Gitarrist Jonas Poppe. Neu ist Rémi Letournelle an Bass und Synthesizer.

Leben in der Zwischenzeit

„Off To St. Pete“ eröffnet das Album noch mit angespannten Post-Punk-Bassläufen. Aber schon das nachfolgende „Kid Went Awry“ lässt den anfänglichen Drive des Albums innerhalb von wenigen Sekunden herunterdrosseln. Von da an wird überwiegend lässig, manchmal schläfrig musiziert: Psychedelisches Slackertum, das in „Play“ erst zu achselzuckenden Zeilen wie „You know things are meaningless, but that doesn’t mean a thing“ führt, bevor es nicht zuletzt live in die Beine fahren soll – „So don’t cry, daughters, sons, play!“
Der Albumtitel „Opt Out“ verweist auf das zentrale lyrische Motiv des Albums: Aktive Verweigerung von Erwartungshaltungen und tradierten Normvorstellungen, Erfüllung bringt das Leben in den Zwischenzonen. „I found something in between signing andresigning – the bliss of imponderability“, heißt es diesbezüglich im Song „Off To St. Pete“. Da beginnt langsam ein Gefühl für die anfangs eher un- als vielsinnig anmutenden Lyrics des unzuverlässigen Rembetiko-Erzählers Jonas Poppe heranzureifen.

„How Can You Trust A Man Like Me?“

Chris Imler am Schlagzeug beweist erneut, dass er ein Meister des Ausdrucks ist. „Opt Out“ ist sorgfältig durchgearbeitet, aber niemals überfrachtet. Das ist Musik für Authentizitätsfetischist*innen, die eine Albumaufnahme live einhundertprozentig reproduziert bekommen möchten. Apropos Authentizität: Was in den zurückliegenden acht Jahren allerdings an Dynamik gewonnen hat, ist die Auseinandersetzung um die kulturelle Aneignung musikalischer Bestände nicht-westlicher Kultur durch Vertreter*innen des sogenannten globalen Nordens. Diese bisweilen unterkomplex geführte Debatte werden sich die eher kartoffelig anmutenden Mitglieder von Oum Shatt (reine Annahme des Autors, die bewusst keine Recherche nach sich gezogen hat) in Bezug auf das in Ermangelung exakter Begrifflichkeiten als orientalisch verstandene Soundgewand von Oum Shatt sicherlich bewusst gemacht haben. (Immerhin gibt es mittlerweile sogar eine von Kulturtheoretiker Jens Balzer veröffentlichte „Ethik der Appropriation“.) Eine Möglichkeit, etwaigen Vorwürfen zu begegnen, wäre gewesen, auf die vorderhand leicht karnevalesken Elemente des Vorgängers zu verzichten („Gold To Straw“). Aber „Opt Out“ geht den anderen Weg: Noch mehr kreative Aneignung, aber im richtigen Bewusstsein. Poppe hat als DJ jahrelang tief genug gegraben, um sich als Experte ausweisen zu können. Und so gönnen sich Oum Shatt allgemeingültige musikalische Figuren aus türkischer Musik ebenso wie Surf- und Rock-’n’-Roll-Standards meistens mit allerhöchstem Charme („Over The World And Out“).

Ein Chanson muss dementsprechend französisch angehaucht sein: „Madame LeSoleil Levant just remembers the first line of this song“ – ein behutsamer wie mysteriöser Stehblues, der textlich wie musikalisch auf „The House Of The Rising Sun“ verweist, bis sich Poppe elegant aus der gefährlichen Umarmung von Madame LeSoleil herauswinden kann. Neuzugang Rémi Letournelle breitgefächertes musikalisches Portfolio (Fenster, Slow Steve) darf spätestens im verträumten Abschluss-Track „Sure Cure“ sanfte Spuren hinterlassen. Oum Shatt haben auf „Opt Out“ ihre ohnehin umfangreichen Bestände weiter ausdifferenziert. Zwischenzeitlich.

Veröffentlichung: 26. Januar 2024
Label: Wanda Y. Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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