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Kramladen "Sgt. Pepper" wird 50 (Teil 2) (01.06.2017)

ByteFM: Kramladen vom 01.06.2017

Ausgabe vom 01.06.2017: "Sgt. Pepper" wird 50 (Teil 2)

Beatles-Produzent George Martin schrieb in seinen Memoiren „Es geschah in der Abbey Road“: „Für mich bedeutete das Werk einen Schnitt in der Karriere der Gruppe, denn es kennzeichnete den Übergang von einer „normalen“ Rock’n’Roll-Band zu Künstlern, die einen nennenswerten Beitrag zur modernen Musikgeschichte leisteten. Es war ein Wendepunkt - der Wendepunkt. Durch Sgt. Pepper wandelte sich die Kunst der Aufnahme von der reinen Aufzeichnung netter Klänge zu einem Medium, das die Zeit als gültige Kunstform überdauert - und eine Art Skulptur der Musik erschafft.“

Höhepunkt des Albums ist zweifellos, der grandiose Abschluss-Song „A Day In The Life“. One-two-three-four, so würde jeder andere den Song einzählen. Aber ist John Lennon wie jeder andere? Sein Vorzähler lautet: „Sugar Plum Fairy, Sugar Plum Fairy“ (Zuckerpflaumenfee) – so „hieß im damaligen Slang die Person, die einem Aufputschmittel besorgte“ (Mark Hertsgaard). Lennon hatte bei diesem Song noch andere verrückte drogengeschwängerte Ideen. Doch die abgefahrenste stammte nicht von ihm alleine. So etwas hatte noch niemals zuvor irgendjemand in der Popmusik mit dem hehren Klangkörper eines 60-köpfigen Orchesters angestellt. Völlig entgeistert schauten die klassischen Musiker drein, als man ihnen auftrug, ein atonales „Soundcluster“ zu erzeugen – ein was? – ein Glissando zu spielen, leise beginnend, ausgehend vom tiefsten Ton und dann sich stetig steigernd bis zum höchsten Ton in voller Lautstärke, allesamt endend in einem wilden Klimax-Akkord E. Ein organisiertes Chaos, exakt 24 Takte lang. Dieses düstere und dissonante orchestrales Crescendo, das an den Nerven zerrt und schier endlos kakophonisch aufsteigt bis es am höchsten Punkt erstirbt, ist das musikalisch herausstechendste Ereignis des genialen Songs „A Day In The Life“. Die auslösende Textzeile, die dem Klang-Furor vorangestellt ist, wurde als die Provokation verstanden, die von den Beatles intendiert war: „I’d love to turn you on“ – „ich würde dich gerne antörnen“, das wurde nicht nur von der BBC als Aufforderung zum Drogenkonsum verstanden und führte sofort zum Sendeverbot im britischen Radio. Provokation im Sinne von Aufrütteln war angeblich die Intention dieser Zeile, und nicht die Leute zu animieren, einen Joint durchzuziehen: „Wir wollten die Leute anmachen, damit sie die Wahrheit herausfinden. Es ging dabei nicht um das verdammte Haschisch“, stellte Paul McCartney später in einem Interview klar. Es ging wohl eher um LSD, denn natürlich war die Drogen-Assoziation beabsichtigt; schließlich kannte fast jeder damals das geflügelte Wort „Turn On, Tune In, Drop Out“. Mit diesem Slogan hatte sich Timothy Leary im September 1966 bei einer Pressekonferenz in New York als Prophet der Bewusstseinserweiterung durch psychedelische Drogen wie LSD weltweit bekannt gemacht.

„A Day In The Life“ markiert nicht nur den Abschluss des epochalen Meisterwerks „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, sondern kann auch als künstlerischer Höhepunkt nicht nur des Albums, sondern auch der Zusammenarbeit des genialen Songschreiber-Duos Lennon/McCartney angesehen werden. Der Rahmensong stammte aus der Schreibe von John Lennon, den Mittelteil hatte Paul McCartney beigesteuert. Beide hatten nur ein Songfragment fertiggestellt, unabhängig voneinander und ohne, dass der eine vom Thema des anderen wusste. Und doch passten die beiden völlig unterschiedlichen Songteile, wie von magischer Hand gesteuert, perfekt zusammen.

John Lennon schlägt die Akkorde des mollreichen Harmonieschemas auf seiner Akustikgitarre schnörkellos geradlinig an, während das Klavier und Paul McCartneys ideenreiches Bass-Spiel raffinierte rhythmische Akzente setzen und Ringo auf dem Schlagzeug mit clever getrommelten Fills brilliert. George Harrison spielt bei dieser vielleicht überragendsten Aufnahme in der Beatles-Geschichte so gut wie keine Rolle. In der Besetzungsangabe wird er geführt unter dem Instrument „Maracas“. Johns Gesang ist verhalten intoniert, doch ungemein präsent und präzise phrasiert. Seine Stimme klingt kontrolliert und im Duktus fast wie unbeteiligt erzählerisch und gleichzeitig auch gespenstisch, weltabgewandt und traumverloren. Gesanglich besonders herausstechend sind zwei Abschnitte: 1. die in schnellen Sechzehntel-Noten gesungenen Schlusszeilen der Strophen 1und 3 („Nobody was really sure if he was from the house ..., now they know how many holes it takes to fill the...“), die beide mit einem kühnen Sprung in die Kopfstimme enden („... of Lords, ... Albert Hall“) – und 2. das leiernde Auf- und Abschwingen im Halbton-Intervall auf den Silben „turn you on“ (das übrigens im Jahre 2001 von Michael Stipe im R.E.M-Song „Imitation Of Life“ imitiert wurde).

Beendet wird der vielleicht beste, sicher aber spektakulärste Song der Beatles nach der zweiten sich hoch schraubenden Orchester-Kakophonie durch einen mächtigen E-Dur-Akkord, auf drei Konzertflügeln gleichzeitig angeschlagen. Bei diesem Effekt des mächtigen Schlussakkordes und seines langsamen Ausklangs bis zur völligen Stille kam manchem die Assoziation der sich allmählich ausbreitenden, unheimlichen Grabesstille nach einer Atombomben-Explosion. Doch auch in der Düsternis, die von der Texthandlung des Songs heraufbeschworen wird, stecke Hoffnung und „Lennons Sehnsucht, die Welt wachzurütteln und ihr bewusst zu machen, dass sie es nicht nur in der Hand hat, sich selber auszulöschen, sondern sich auch zu erneuern“ (schrieb Tim Riley). Auf der Platte mag der finale E-Dur-Akkord nach 53 Sekunden verklungen sein, doch der Nachhall des Geniestreichs „A Day In The Life“ klingt überdauernd weiter.

Kommentare

roger_scho vor 3 Jahren
Lieber Volker, danke für Deine Sgt Pepper Sendungen. Aber eins hast Du vergessen, die Endlos- Rille nach A Day In The Life (bei den frühen UK-Vinyl-Pressungen zu hören). Gibt es auch eine Story zu erzählen. Viele Grüße Roger P.S. Hättest aber nicht soviel auf das Erscheinen der "neuen" CD hinweisen müssen...
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roger_scho vor 3 Jahren
Lieber Volker, danke für Deine Sgt Pepper Sendungen. Aber eins hast Du vergessen, die Endlos- Rille nach A Day In The Life (bei den frühen UK-Vinyl-Pressungen zu hören). Gibt es auch eine Story zu erzählen. Viele Grüße Roger P.S. Hättest aber nicht soviel auf das Erscheinen der "neuen" CD hinweisen müssen...
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Playlist

1.  L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik)
Touch Me There / Zappa Records
2.  The Beatles / Within You Without You
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal
3.  The Beatles / Within You Without You (Take 1 Indian Instruments)
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal
4.  The Beatles / When I’m Sixty-Four
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal
5.  The Beatles / When I’m Sixty-Four (Take Two)
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal
6.  The Beatles / Lovely Rita
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal
7.  The Beatles / Lovely Rita (Take 9)
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal
8.  The Beatles / Good Morning Good Morning
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal
9.  The Beatles / Good Morning Good Morning (Take 8)
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal
10.  The Beatles / Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (Reprise)
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal
11.  The Beatles / Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (Reprise) (Take 8)
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal
12.  The Beatles / A Day In The Life
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (2017) / Parlophone, EMI, Universal