Kramladen Rockmusik hinter der Mauer
Ausgabe heute: Rockmusik hinter der Mauer
Ein Großteil der Menschen im Osten Deutschlands denkt und tickt anders als Menschen im Westen. Gilt das auch für Rock-Fans?
An Ostern 2026 war ich an einem Projekt im thüringischen Neustadt an der Orla beteiligt, Thema: „Rock hinter der Mauer. Wie angloamerikanische Rockmusik junge Leute in der DDR veränderte.“ Mit neun Zeitzeugen und Musik-Enthusiasten konnte ich ausführliche Interview-Gespräche über ihre Erfahrungen mit ihrer Lieblingsmusik aus dem Westen zu DDR-Zeiten führen – und wie sich die Bedeutung ihrer Musikvorlieben von damals bis heute für sie verändert hat.
Für mich Wessi, der seit frühester Jugend selbstverständlichen Zugang hatte zu allem, was mich an Popkultur interessierte, war das, was ich hörte, kaum zu glauben. - dass junge Leute in der DDR nicht nur faktisch eingesperrt waren, sondern auch ausgesperrt blieben von westlicher Rockmusik, für die sie sich begeisterten,
- dass sie versuchen mussten, unter abenteuerlichen Bedingungen und mit teils illegalen Aktionen an Platten ihrer westlichen Rock-Idole heranzukommen,
- dass ein junger Rockfan aus Neustadt an der Orla auf dem Schwarzmarkt für seine Lieblingsplatte von Neil Young 350 Mark, seinen kompletten Lehrlings-Monatslohn, zahlen musste,
- dass West-Platten, die beim Onkel in Köln bestellt und sehnsüchtigst erwartet wurden, nie ankamen, weil der DDR-Zoll die Platten konfiszierte,
- dass gefährliche, nächtliche Aktionen auf dem Dach nötig waren, um unentdeckt die Antenne in Richtung West-Radio zu justieren,
- dass Konzerte mit lokalen DDR-Bands aufgelöst wurden, weil z.B. eine Band unter anderem „Satisfaction“ von den Stones spielte und das jugendliche Publikum begeistert mitsang,
- dass noch im Jahre 1969 junge Langhaarige im ländlichen Kreis Pößneck (also nicht nur in den Großstädten, wo das häufig geschah) zusammengetrieben wurden und unter massivem Zwang sich öffentlich die Haare schneiden lassen mussten.
Zu den bevorzugten Musikrichtungen der neun Interviewten, die überwiegend in den 60er und 70er Jahren groß wurden und sich in dieser Zeit für Bands aus dem Westen begeisterten, zählen Art/Prog-Rock (z.B. Pink Floyd, Yes), Hard-/Blues Rock (z.B. Deep Purple, Stones), Folk-Rock & Artverwandtes (z.B. Dylan, Neil Young). Und fast alle standen und stehen auf Zappa und gehören zum Teil zu den Stammgästen der Zappanale in Bad Doberan seit 1990. Alle waren schon zu DDR-Zeiten – und sind es heute noch immer – häufige Konzertbesucher. Damals besuchten sie, wann immer es ging, Auftritte der lokalen Bands aus der Cover- und Bluesszene der DDR, speziell aus Thüringen. Heute nehmen sie auch weitere Strecken in Kauf, um internationale Acts zu sehen. Rockkonzerte waren und sind eine bleibende Gemeinsamkeit der interviewten Gruppe. Was sie weiterhin eint, ist die Sammlerleidenschaft von Platten und CDs. Wobei die Lieblings-Platten, an die sie unter schwierigsten Bedingungen zu DDR-Zeiten herankommen konnten, von allen bis heute wie ein Schatz gehütet werden. Nach der Wende haben sich einige von ihnen umfangreiche Sammlungen von Tonträgern ihrer Lieblings-Acts zugelegt.
Zur Sprache kam natürlich auch neben all den Restriktionen durch die DDR-Behörden ihr Verhältnis zu den DDR-Rockgruppen. Interessante Erkenntnis: mit den Puhdys konnte keiner der Interviewten etwas anfangen: Dagegen fanden alle die Renft-Combo gut. Wegen kritischer Texte erhielt die Band Renft erst Auftrittsverbote und wurde schließlich durch behördlichen Beschluss aufgelöst.
Interessanterweise stehen alle Interviewten (Jahrgang 1954 bis 1965) den jungen Ostbands/Acts wie Kraftclub, Betterov, Clueso, Feine Sahne Fischfilet eher distanziert gegenüber. Zu diesen neuen Musikern aus den Ostländern haben die Interviewten so keinen rechten Bezug. Grund: „Das ist eine andere Generation, das ist nicht unsere Musik“.
Was bleibt mir Wessi nach all den Gesprächen und Interviews in besonderer Erinnerung? Dass diese Musik-Enthusiasten aus Thüringen die gleiche Begeisterung für Rockmusik und Popkultur teilen wie Gleichgesinnte in Westdeutschland. Dass sie in ihren jungen Jahren in der eingemauerten DDR ganz ähnlich von westlicher Rockmusik beeinflusst und in ihrem Bewusstsein kritisch beflügelt wurden wie wir Jugendliche in Hessen.
Und doch ist und bleibt etwas anders: das Gefühl, dass den jungen Leuten in der DDR gerade in der Zeit des persönlichen Aufbruchs in der Pubertät und Adoleszenz etwas Entscheidendes vorenthalten wurde: das Freiheitsversprechen, das westliche Rockmusik postulierte, einlösen und leben zu können. Bei manchen Gesprächspartnern war, wenn auch unausgesprochen, eine Enttäuschung herauszuhören, war ein bleibendes Defizit zu spüren für entgangene Chancen und, weil ihnen eine freie Lebensentfaltung in jungen Jahren vorenthalten blieb.
Diese kollektive Erfahrung von Enttäuschung scheint bei vielen Ostdeutschen zu einer generellen Unzufriedenheit zu führen, die sich auf spezifische Weise auch politisch äußert.
Alle neun Interview-Gespräche sind in voller Länge auch als einzelne Podcasts zu hören.
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