Aldous Harding – „Designer“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Designer“ von Aldous Harding

Aldous Harding – „Designer“ (4AD)

Die Mode-Metapher im Titel kann kein Zufall sein. Die Songs, die Aldous Harding auf ihrem dritten Studioalbum „Designer“ versammelt hat, sind wie liebevoll zusammengeschneiderte Kleider. Dass die Neuseeländerin geschmackvolle, vielschichtige Folk-Songs schreiben kann, bewies sie bereits auf ihrem 2014er Debüt und dem Nachfolger „Party“, erschienen 2017. Doch auf „Designer“ offenbart Harding eine wahre Eleganz: Seidene Tonfolgen fließen aus den gezupften Akustikgitarren, Schlagzeug und Bass grooven mit Grazie – und der Gesang zieht einen mühelos in den Bann, ohne sich bewusst nach vorne zu spielen.

Doch wie spätestens Paul Thomas Andersons 2017er Mode-Drama „Phantom Thread“ verdeutlicht hat, versteckt jeder gute Designer oder jede gute Designerin ein paar Geheimnisse in seinen oder ihren Kleidern. Ein geheimes Täschchen. Eine Textzeile, die einen kurz aus der Bahn wirft. Ein seltsames Innenmuster, das sich erst spät offenbart. Ein überraschender Akkord, der einen eigentlich sehr konventionellen Songfür ein paar Sekunden in eine unerwartete Richtung entführt.

Geheimnisvolle Schneiderei

Von diesen Geheimnissen gibt es fast zu viele, um sie alle aufzuzählen: Die Geigen im nostalgischen Opener „Fixture Picture“, die für einen winzigen Moment in die Dissonanz abdriften – eine Millisekunde, die sich wie eine Ewigkeit anfühlt. Die ebenso die Zeit anhaltende Bridge im Titeltrack, die klingt, als hätte Mark Hollis sie orchestriert. Der nur minimal versetzte und trotzdem desorientierende Refrain in „Treasure“. Oder das Fagott, das so seltsam wie der blaugesichtige Dämon im dazugehörigen Musikvideo durch „The Barrell“ tänzelt.

„Shapes live forever“, singt Harding im Titeltrack – und erzählt damit nur die halbe Wahrheit. Reduziert man diese Songs auf ihre Form, sind sie gar nicht so aufregend, erst der Inhalt und die Details machen sie groß. Ein Album, in das man sich tief einfühlen kann, in dem es viel zu entdecken gibt – und auf dem nichts ganz so ist, wie es scheint.

Veröffentlichung: 26. April 2019
Label: 4AD

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