Alex Izenberg – „I’m Not Here“ (Album der Woche)

Cover des Albums „I'm Not Here“ von Alex Izenberg, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Alex Izenberg – „I’m Not Here“ (Domino Records)

Stell Dir vor, es gäbe ein Portal, mit dem Du der chaotischen und angsteinflößenden Gegenwart entfliehen und in die heile Welt der 70er-Jahre entfliehen könntest. Also nicht das tatsächliche, misogyne, homophobe, rassistische, politisch extrem unruhige Jahrzehnt, sondern die in der Popkultur romantisch idealisierten 70er-Jahre. Die Laurel-Canyon-Ära, gefüllt mit kalifornischem Sonnenschein, golden glänzender Folk-Rock-Musik. Und einen Cadillac gibt’s noch gratis dazu, um mit offenem Verdeck den Mulholland Drive entlangzusliden. Wäre das nicht ganz angenehm?

Zum Glück musst Du Dir das nicht vorstellen, denn das neue Album von Alex Izenberg, kommt diesem Portal schon ziemlich nahe. Die Tracks des in San Francisco geborenen Singer-Songwriters waren schon auf seinen ersten beiden LPs „Harlequin“ und „Caravan Château“ überaus nostalgisch. Doch sein drittes Werk „I’m Not Here“ ist seine bisher am besten realisierte Zeitreise – eine in Musik verwandelte West-Coast-Brise.

Ambivalenz zwischen Schönheit und Traurigkeit

Izenberg eröffnet das Album mit einer Klangmauer aus warmen Akustikgitarren-Sounds. „Ivory“ ebnet den Weg für den Rest der LP: tiefenentspanntes Midtempo, eine dichte Wall of Sound und sanfter Tenor-Gesang. In „Gemini Underwater“ kommen ein paar Yacht-Rock-Vibes aus der Steely-Dan-Schule hinzu. „Egyptian Cadillac“ und „Sorrows Blue Tapestry“ bringen ein wenig Folk-Rock-Swagger mit sich.

Und Izenberg hat noch eine Geheimwaffe im Gepäck: Dave Longstreth (Dirty Projectors) hat das Album „I’m Not Here“ mit opulenten Kammermusik-Arrangements ausstaffiert, die den Songs eine Extraportion transzendentaler Schönheit verleihen. In „Our Love Remains“ halten barocke Streicher die Zeit an. „Broadway“ ist ein zartes Hybridwesen zwischen Crosby, Stills & Nash und einem Bach-Menuett. Die Cellos und Violinen streicheln in „Breathless Darkness“ um die Gitarren und Izenbergs Stimme – und machen die Melancholie seiner Songs noch mehr spürbar.

Diese Ambivalenz zwischen Schönheit und Traurigkeit ist ohnehin ein wichtiges Element dieses Albums. Izenberg nennt die Schriften von Alan Watts als wichtige Inspiration. Der Autor und Theologe befasste sich mit dem Leben als Schauspieldrama, in denen jeder Mensch Masken trägt und tragen kann – daher auch das Albumcover. So funktioniert „I’m Not Here“ auf gleich zweierlei Ebenen: sowohl als tiefes Psychodrama als auch als schönster pop-musikalischer Eskapismus.

Veröffentlichung: 20. Mai 2022
Label: Domino Records

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

2 Kommentare
  1. posted by
    Jürgen Naeve
    Jun 16, 2022 Reply

    Moin, danke für den Tip Alex Izenberg, großartig der Typ. Weiterhin kreativ und gesund bleiben. Herzliche musikalische Grüße aus Frankfurt Jürgen Naeve

  2. posted by
    Roland Brandt
    Jun 29, 2022 Reply

    ……hab‘ sie mir auch gekauft. Muß sie mir einfach immer im ganzen anhören. Das Vinyl ( schwarz) ist astrein.

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