Eddie Chacon – „Lay Low“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 3. Februar 2025

Cover unseres Albums der Woche „Lay Low“ von Eddie Chacon

Eddie Chacon – „Lay Low“ (Stones Throw)

„Was kann man weglassen?“ Diese Frage stellt sich Eddie Chacon ständig, wenn er Musik macht. Im Herzen ist der kalifornische Sänger und Musiker, der gerade sein drittes Soloalbum „Lay Low“ veröffentlicht hat, immer ein Soulboy geblieben. Aber seine Liebe zur Musik von Vorbildern wie Marvin Gaye nimmt heute ganz anders Gestalt an als zu Beginn seiner Karriere. Anfang der 90er landete er mit seinem Duopartner Charles Pettigrew als Charles & Eddie gleich mit der Debütsingle „Would I Lie To You?“ einen internationalen Megahit. Doch das machte die Einsicht umso frustrierender, dass man den Hit nicht wiederholen konnte und als One-Hit-Wonder galt. Um die Jahrtausendwende war aus dem hoffnungsvollen jungen Mann ein frustrierter Musiker geworden, der vor lauter Selbstzweifeln der Musikwelt den Rücken kehrte. Nach einigen Jahre Pause produzierte mit seiner Frau als The Polyamorous Affair Club-Tracks. Prinzipiell fotografierte aber lieber, und es verging eine weitere Dekade, bis er wieder Songs schreiben konnte.

Dafür bedurfte es der Übung in Bescheidenheit. Lange hatte Chacon seine Minderwertigkeitskomplexe erfolglos durch ein aufgeblasenes Ego kompensiert. Erst als er lernte, die Luft aus selbigem herauszulassen, flossen die kreativen Säfte wieder. Etwas eingerostet und unsicher, gab ihm die Zusammenarbeit mit dem New-Age-Synth-Wizard John Carroll Kirby neues Selbstbewusstsein. Zudem fand er in der Kooperation für sein erstes Soloalbum „Pleasure, Joy And Happiness“ (2020) erstmals einen wirklich eigenständigen, in sich ruhenden Sound. So versteht Chacon Charles & Eddie heute als Retro-70s-Soul-Band und wäre damals gern Marvin Gaye oder Al Green gewesen. In seinem Soloschaffen ist er Eddie Chacon. Das schließt natürlich Inspirationen durch seine alten Helden nicht aus. Aber statt deren Chor- und Streicherarrangements nachzubauen, fragt er demütig: „Was kann man weglassen?“

Licht im Dunkeln

Gleich im Albumopener „Good Sun“ klackert ein Drumcomputer wie in Gayes „Sexual Healing“. Aber Tempo und Klangfarbe klingen hier nach einem zu langsam abgespielten Tonband. Wie der Soundtrack zu einer in Zeitlupe abgespielten Videoaufnahme voller schöner Erinnerungen einer längst vergangenen Zeit. Erinnerungen, so nah an Chacons Herzen, dass er sich ihnen lange nicht stellen konnte. Zwar hatte er schon sein 2023er Album „Sundown“ dem Angedenken seiner Mutter gewidmet, aber ihren Tod musikalisch verarbeiten konnte er nicht. Jahrelang vermochte er nicht einmal über sie zu sprechen. „Good Sun“ spiegelt ihre optimistische Grundhaltung, sagt Chacon: „Sie suchte immer nach einem sonnigen Plätzchen. Wenn die Sonne dort drüben stand, gingen wir alle dorthin.“ Aus dem eröffnenden Abschiedssong sprechen Trauer und Hoffnung. Die Dualität von Festhalten und Loslassen begleitet uns über den zweiten Song „Let You Go“ bis zum psychedelischen Closer „If I Ever Let You Go“.

Doch nicht die ganze LP ist trauerumflort. Etwa das anschließende „Empire“, das als einziger Song auf die Tanzfläche lockt. Mit seinem rhythmisch aktiv shuffelndem Groove und erhebenden Holzbläsern wohnt ihm beinahe etwas Hymnisches inne. Textlich allerdings behandelt er ein Thema, das man beim Tanzen lieber vergessen möchte: sich den Konsequenzen der eigenen Versäumnisse zu stellen, bevor sie einen einholen. Nach dieser trojanischen Discokugel wirkt der anschmiegsame Titelsong als meditativer ruhender Pol. „Verschleiert und sinnlich“ wollte Chacon das Album gestalten, „dass dem Album eine Dunkelheit innewohnt, aber so, dass man Licht finden kann, wenn man danach sucht“. Als Unterstützer bei der Umsetzung heuerte er statt Kirby, der in „Empire“ einen Gastauftritt hat, Nick Hakim an.

Achtsam und selbstbewusst

Während Chacon Kirby als engen Freund bezeichnet, fand er es an der Zeit „das Nest zu verlassen“. In Hakim fand er erneut einen Mitstreiter, mit dem die Zusammenarbeit sich sofort vertraut anfühlte. So verstand er Chacons Vorstellungen sofort und schuf ihm eine „musikalische Landschaft, die vor Schönheit strotzt, die auf der Suche nach dem Weg ist.“ Diese Schönheit findet „End Of The World“ im Schlussstrich einer wie auch immer gearteten Beziehung. So singt Chacon vom „Mut, eine neue Seite aufzuschlagen und zur nächsten überzugehen. Aber es ist schwer, das Kapitel abzuschließen, solange man am Glauben festhält, dass jemand Besseres auftauchen wird.“ Durch die meisten Songs zieht sich ein Faden von Low-key-Grooves und Understatement. Letzteres treibt „Birds“ auf die Spitze. Nur von Synth-Flächen getragen, entfaltet das Duett mit Hakim einen sanften Sog.

Dieser Sog setzt sich in „Let The Devil In“ fort, wird aber ungemütlicher. Der „Punch“ des Songs überrasch den Künstler selbst, der sich hier „den Zugang zur wirklichen Dunkelheit erlaubt“. Seine Stream-of-consciousness-Lyrics handeln von sozialer Kälte, schrumpfenden Aufmerksamkeitsspannen und abnehmender Empathie. „Mir fielen einfach keine besseren Worte ein als ‚Wir haben den Teufel reingelassen, und das zerreißt uns‘“, erklärt Chacon. Doch aus dem Album spricht keine Resignation. Chacon beobachtet voller Achtsamkeit seine Psyche und seine Umwelt. Es ist das Album eines Künstlers, der gelernt hat, mit den eigenen Schwächen umzugehen, statt sich von ihnen zermürben zu lassen. Beim Musizieren wiederum fühlt er sich erklärtermaßen „wieder stark und souverän, und ich mache die Platten, die ich machen will. Es ist so befreiend.“

Veröffentlichung: 31. Januar 2025
Label: Stones Throw

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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