Fat White Family – „Serfs Up!“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Serfs Up!“ von Fat White Family

Fat White Family – „Serfs Up!“ (Domino)

Innerer Schweinehund, der. Landläufige Bezeichnung für den als Schwäche angesehenen, verdorbenen und unbelehrbaren Teil des Charakters. Und irgendwie auch das passende Maskottchen für die Londoner Band Fat White Family. Jene selbstproklamierte „drug band with a rock problem“, die während ihres nunmehr achtjährigen Bestehens keine Gelegenheit ausgelassen hat, das Image einer verlotterten Garage-Band zu pflegen, wie ein lieb gewonnenes Haustier.

2011 vom Kreativ- und Drogenconnaisseur-Duo Lias Saoudi und Saul Adamczewski gegründet, standen die Zeichen bei Fat White Family von Anfang an auf Kollisionskurs. Mit ihrem ekstatischen Debüt „Champagne Holocaust“, bei dem sie Psych, Garage, Country und Punk zusammenwarfen, markierte die Band ihre Position als Leitwolf unter den Schweinehunden. Der bandinterne Pegel war bei ihrem Zweitlingswerk „Songs For Our Mothers“ nach wie vor hoch und forderte 2016 seinen Tribut. Gitarrist und treibende Kreativkraft Adamczewski musste die Band wegen einer Heroin-Abhängigkeit vorübergehend verlassen und therapierte sich mit seinem Nebenprojekt Insecure Men, dessen selbstbetiteltes Debütalbum 2018 erschien, selbst.

In der Zwischenzeit etablierte sich der Keyboarder Nathan Saoudi, der Bruder von Lias Saoudi, als neue Songwriting-Instanz und so hatte die Band bei der Aussöhnung und Rückkehr Adamczewskis bereits eine Menge Material für das neue Album „Serfs Up!“ zusammen. Auffällig ist: Fat White Family klingen auf ihrem dritten Album deutlich aufgeräumter.

Barocke Räudigkeit und kaputte Männer

Die neue Kultiviertheit im Hause Fat White Family untermalt besonders „Tastes Good With The Money“. Ein erhaben-vibrierender Choral breitet den Klangteppich aus, über den die Band anschließend mit barocker Räudigkeit zu stolzieren beginnt. Und als könnte es keinen passenderen Rahmen geben, lässt sich Baxter Dury zu einem Gastauftritt bewegen. Der König der charmanten Schnodderigkeit gibt hier einen Monolog zur drohenden Apokalypse zum Besten.

Der Song „Vagina Dentata“, benannt nach einem Symbolbild für männliche Kastrationsangst, unterstreicht, dass der kaputte, seinen Ambitionen hinterherjagende Mann auf „Serfs Up!“ allgegenwärtig ist. „Yes, I’m everything you ever wanted to become / but did not have the courage to be“, singt Saoudi süffisant über ein sphärisch klimperndes Bar-Piano. Es gibt einen Break und die Band, begleitet von einem Saxofon, groovt smooth weiter in verspulter Lounge-Rock-Manier. Connan Mockasin nickt zufrieden und bestellt noch ‘nen Drink.

Fat White Family emanzipieren sich mit „Serfs Up!“ ein Stück weit von ihrer scheinbar festgeschrieben Rolle als krachige Druffi-Band. Der kantige und widerspenstige Sound der Vorgängeralben ist einem schlierigen Genre-Mix gewichen, der zeigt, dass unter der brackigen Oberfläche der Londoner Band immer schon feinste Pop-Perlen gefunkelt haben. Der Weg dorthin? Laut Schöpfungsmythos anfänglich ein zähes Winden, aber letztlich triumphal und beflügelnd. Wie der Sieg über den inneren Schweinehund eben.

Veröffentlichung: 19. April 2019
Label: Domino

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Diskussionen

2 Kommentare
  1. posted by
    l
    Apr 15, 2019 Reply

    Mehr kritische Distanz zu Drogen bitte. Wir sind in 2019, nicht in 1979. „Aber keine Angst: Die neue Nüchternheit ist das noch lange nicht…“ passt wie so einiges hier nicht.

    • posted by
      ByteFM Redaktion
      Apr 16, 2019 Reply

      Lieber Lars, Danke für den Kommentar. Nüchternheit war hier in anderer Bedeutung gemeint. Wir ändern die Passage im Text. Viele Grüße, die Redaktion

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