Goat Girl – „Goat Girl“ (Album der Woche)

Goat Girl - „Goat Girl“

Goat Girl – „Goat Girl“ (Rough Trade Records)

„How can a whole nation be so fucking thick?“ Diese Frage stellten Goat Girl im Jahr 2016 auf „Scum“, der B-Seite ihrer ersten Single, nur wenige Wochen nach dem großen britischen Trauma namens Brexit. Heute, zwei Jahre später, klingt die Band immer noch anklagend, wenn auch etwas versöhnlicher: „Don‘t shed a tear / We all feel shame.“ Weine nicht, wir schämen uns doch alle. Die Zeile stammt von ihrem selbstbetitelten Debüt – einem Album, auf dem die Londonerinnen sowohl ihrer Nation als auch dem halbtoten Medium „Rock-Album“ mit dem Defibrillator das Herz massieren.

Goat Girl stammen aus Brixton – einem der wenigen Teile der britischen Hauptstadt, der (noch) nicht in den Stillstand gentrifiziert wurde, in dem eine junge Gitarrenband noch was reißen kann. Die vier Musikerinnen, die kryptische Namen wie LED und Rosy Bones tragen, haben auf „Goat Girl“ 19 unberechenbare Song-Bastarde versammelt, zusammengeflickt aus Garage, Punk, Kraut, und Country.

Die sogenannte menschliche Rasse

Dem Status Quo Englands und des Rests der Welt entsprechend ist dieses Album ein wütendes geworden. So ist „Creep“ beispielsweise eine Kampfansage an all den männlichen Abschaum dieser Welt, während in „Cracker Drool“ der globale Fremdenhass thematisiert wird. Sängerin Clottie singt Zeilen wie „Creep on the train / I really wanna smash your head in“ mit ihrem dunklen, direkt ins Mark gehenden Timbre, begleitet von knarzenden Bässen, schleppenden Drums und einer kleinen Prise Country-Twang.

Doch Goat Girl beherrschen auch die Kunst des lupenreinen Rock-Songs: „The Man“ oder „Burn The Stake“ sind staubtrockene Gitarrenbretter, in der Tradition der alten PJ-Harvey-Meilensteine „Dry“ und „Rid Of Me“. Dieser Indie-Rock der 1990er-Jahre scheint tief in der DNA der Band zu stecken: „I Don‘t Care Pt.2“ und „Tomorrow“ schunkeln so schön windschief wie die frühen Pavement-Platten, während Clottie in „Country Sleaze“ den Swagger der jungen Kim Deal heraufbeschwört.

Im Spiel mit all diesen Referenzen offenbaren Goat Girl einen solchen Spaß, den man lange nicht mehr in der Gitarrenmusik gehört hat. Doch die Freude ist nicht alles: Kurz vor dem Ende der Platte spucken Goat Girl einem noch einmal die eingangs erwähnte Scham ins Gesicht: „I am ashamed of this so-called human race.“ Diese aufwühlende, ansteckende Wut ist, was „Goat Girl“ zum bisher besten Rockalbum des Jahres macht.

Veröffentlichung: 6. April 2018
Label: Rough Trade Records

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