İlgen-Nur – „Power Nap“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Power Nap“ von İlgen-Nur

İlgen-Nur – „Power Nap“ (Power Nap Records)

Schreibt man die Texte von İlgen-Nur Boralı aufs Papier, lesen sie sich manchmal fast wie profane Tagebucheinträge. „It’s a sunday and I forgot to get my groceries before the shop closed.“ „The guy in the restaurant where I wanted to pee / Had a terrible day, I could tell by his face.“ „Television, MTV / I spend my day in front of a screen.“ „Power Nap“ ist reich an kleinen Alltagsvignetten, eingefangen in einfachen, ungeschmückten Worten.

Wenn die Hamburgerin zur Gitarre greift, bringt sie diese melancholischen Momentaufnahmen zum Singen. Boralı bewies schon bereits auf ihrer Debüt-EP „No Emotions“, dass sie ein Gespür für Melodien hat, die einem vom ersten Moment an sehr vertraut vorkommen. Wer 2017 keinen Ohrwurm von „Cool“ hatte, hat diesen Song wahrscheinlich nicht gehört. Zehn weitere Ohrwürmer haben es auf ihr nun erscheinendes Debütalbum „Power Nap“ geschafft.

Melancholische Momentaufnahmen

Während der Sound von „No Emotion“ noch im schrammeligen Pavement-Gewand daherkam, erklingt „Power Nap“ mit Indie-Rock-Wucht. Der Bass pumpt kräftig, die Drums scheppern und die Gitarren strahlen. Hier und da singt ein Saxofon, durch den Abschlusssong „Deep Thoughts“ schwebt ein sanft gespieltes Klavier. Produzent Max Rieger (der auch schon bei „No Emotions“ an den Reglern saß) lässt viel Raum für Details. Boralı mag das Image einer „Slacker-Queen“ haben, doch auf diesem Album klingt nichts hingeschlufft – sondern klar und differenziert.

Am allerklarsten strahlt aber ihre Stimme: Selbst wenn die Band abdrückt und die großen Power-Pop-Refrains auspackt, klingt der Gesang stets so nah, als würde İlgen-Nur einem direkt ins Ohr flüstern. Boralı singt ihre Alltagspoesie in lakonischer Unaufgeregtheit, die die Momente, in denen plötzlich ihre ganze Kraft erklingt, umso intensiver macht – wenn sie beispielsweise in „You’re A Mess“ beweist, dass sie so mitreißend wie Sleater-Kinney aufheulen kann. Und dann haut sie zwischendrin ein paar Zeilen raus, die die Alltagspoesie transzendieren: „Your face looks so familiar / When you‘re trying to look away“, heißt es in „Soft Chair“. Die Wörter mögen einfach und schmucklos sein – doch das Gesamtpaket ist großes Pop-Handwerk.

Veröffentlichung: 30. August 2019
Label: Power Nap Records

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Andreas Lichtner
    Sep 4, 2019 Reply

    großartiges album – habe direkt auf die VÖ gewartet…

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