Mac Miller – „Balloonerism“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 20. Januar 2025

Cover unseres Albums der Woche „Balloonerism“ von Mac Miller

Mac Miller – „Balloonerism“ (Warner)

Mac Miller hat viel Musik herausgebracht. Sehr viel sogar: Dreizehn Mixtapes und fünf Studioalben veröffentlichte der 1992 in Pittsburgh geborene Rapper, Sänger und Produzent zu Lebzeiten. Und das war wohl nur die Spitze des Eisbergs: Malcolm James McCormick, wie Mac Miller bürgerlich hieß, war berüchtigt für das Horten von unveröffentlichtem Material. Ganze fertigestellte Alben sollen in bester Prince-Manier in seinen Archiven schlummern. Akribisch Leaks und Gerüchte studierende Fans schätzen seinen Fundus auf irgendwo zwischen 600 und 3000 Songs. Doch mehr werden nicht hinzukommen – denn Mac Miller starb am 7. September 2018 im Alter von 26 Jahren an einem tödlichen Cocktail aus Alkohol, Kokain und Fentanyl und wird nie wieder neue Musik schreiben.

Über die ethische Komplexität von posthum veröffentlichten LPs haben wir an dieser Stelle schon oft geschrieben. Einen Umstand hat das nun erscheinende siebte Album von Mac Miller anderen theoretisch vergleichbaren Werken von Sophie oder Charles Bradley voraus: Es handelt sich hier nicht um potenziell zynische Resteverwertung auf der Suche nach dem letzten Geld, sondern um ein tatsächlich größtenteils schon fertiggestelltes Werk, das schon lange in der Schublade wartete. Im Vergleich zu seinem ersten posthumen Album „Circles“, dessen Produktion vom Tod Mac Millers unterbrochen wurde, entstand „Balloonerism“ ursprünglich bereits 2014, zwischen den Veröffentlichungen seines gefeierten Studioalbums „Watching Movies With The Sound Off“ und seinem Mixtape „Faces“. Das Album lag ihm spürbar am Herzen, ein Artwork war bereits fertiggestellt. Warum es damals doch nicht das Licht der Welt erblickte, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Doch nun ist es da – und Mac Miller benötigt keine zwei Minuten, um alle ethischen Zweifel wegzupusten.

Tragische Punchlines und tröstende Poesie

Dann sind wir mitten in „DJ’s Chord Organ“, dem zweiten Song des Albums – und damit inmitten eines himmlischen Nebels aus warmen Tischorgel-Akkorden und polyphon säufzendem Chor-Gesang. Mindestens zwei der Stimmen kommen bekannt vor: R&B-Star SZA und Millers langjähriger Begleiter Thundercat. Wenn der Nebel sich kurze Zeit später verzogen hat und die Boombap-Drums kicken, bleibt SZA übrig als Feature-Star des Tracks – und singt 2014 aufgenommene Zeilen, die mit heutigen Ohren sofort für einen Knoten in der Brust sorgen: „I know you miss the nighttime / I know you miss your lifetime / Tell me the truth about it / Tell us the truth about it / Cocaine is ruthless.“

Das ist nicht der einzige Moment, der einen auf „Balloonerism“ schwer schlucken lässt. Die Erinnerung an die Umstände kommen in verschiedenen Formen. Mal in tragischen Punchlines, wie wenn sich Miller in „Shangri-La“ darüber pikiert, dass sein Dealer keine American-Express-Karte akzeptiert. Dann in seinen Charakterstudien, wie in „Mrs. Deborah Downer“, wo er seine Protagonistin genüsslich Narkosemittel auflisten lässt. Und auch einfach in der tröstenden Poesie, die Miller immer wieder durchstrahlen lässt: „You wonder when God will just listen and give you a break / And He says, ‚See, living and dying are one and the same‘“, singt er im Abschlusssong „Tomorrow Will Never Know“, der wie eine experimentelle Ambient-Komposition von The Caretaker oder William Basinski im Verlauf von elf Minuten langsam in sich selber einstürzt.

Schweres Schlucken

Im Kontext des Albums sind „Tomorrow Will Never Know“ und auch das sakrale „DJ’s Chord Organ“ musikalische Ausreißer. Der Großteil der LP ist gefüllt mit der windschief groovenden R&B- und HipHop-Musik, die ihn zum Star machte. Während der damalige Produzent Jon Brion auf „Circles“ noch seinen Sound barockiger wirken ließ, ist der Klang von „Balloonerism“ erfrischend roh. Und klingt so wie ein schlüssiges Gesamtkunstwerk. Die Drums schleppen tief und dumpf. Die Rhodes-Pianos klirren angezerrt. Thundercats Bass wummert melodisch, wie immer in Schlangenlinien um die Grooves herumtänzelnd. Miller wechselt in gewohnter Leichtigkeit zwischen seinen smooth-schluffigen Raps und Croons. „Baby, don’t let them tell you what’s real and what’s not / There’s a paradise waiting on the other side of the dock“, singt diese Stimme in „Friendly Hallucinations“, ein weiterer Schluck-Moment dieses schönen und traurigen Albums.

Veröffentlichung: 17. Januar 2025
Label: Warner

 

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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