
Sophie – „Sophie“ (MSMSMSM / Transgressive)
8,0
Ein neues Album von Sophie sollte eigentlich ein Grund zur Freude sein. Klangen doch bereits die ersten Tracks, die die britische Produzentin im Jahr 2013 veröffentlichte, wie die Zukunft. Ihr euphorischer, eklektischer Hyper-Pop beeinflusst bis heute nicht nur ihre Mitstreiter*innen der PC-Music-Szene, sondern auch Pop-Gigant*innen wie Madonna und Co. Auch eines der größten Alben des Sommers, „Brat“ von ihrer langjährigen Feature-Partnerin Charli XCX, wäre ohne Sophies Vorarbeit nicht denkbar. Doch Sophie starb tragischerweise am 30. Januar 2021 bei einem Kletter-Unglück – weswegen es angesichts einer neuen LP der Künstlerin so eine Sache ist mit der Freude.
Das liegt in der Natur von posthum veröffentlichten Alben. Sophies Bruder und Studio-Ingenieur Benny Long, der die Kuration ihrer nun erschienenen zweiten LP gemeinsam mit ihren Schwestern betreute, erzählt, dass die 16 Songs so gut wie fertig waren. Die Tracklist war zum Zeitpunkt ihres Todes bereits ausgearbeitet, der Arrangement- und Produktionsprozess im Gange. Doch was bedeutet „so gut wie fertig“? Songs sind komplexe, organische Kreaturen, deren Existenz von einer Vielzahl individueller Entscheidungen abhängt. Und die sich gerne im letztmöglichen Moment noch in ganz neue Richtungen entwickeln. Ist „Sophie“ das Werk, das sie wirklich veröffentlicht hätte? Oder gar wollte? Wir werden es nie erfahren.
Bittersüße Euphorie
Ihre Familie gab sich auf jeden Fall spürbar Mühe, diese Tracks zu einem stimmigen Ganzen zu verpacken. „Sophie“ hat einen klaren Fluss, beginnt für solch ein Tribute-Album mutig mit dem scary Ambient-Intro „The Full Horror“ (der einzige Song ohne Features) und entfaltet im Folgenden den vollen Sophie-Klangkosmos: Es gibt verzerrte HipHop-Beats, die an ihre Zusammenarbeiten mit Vince Staples erinnern („Rawwwwww“), allerlei wunderbar stressige Dance-Tracks wie etwa „Gallop“, vor Endorphin nur so überlaufende Hyper-Pop-Banger wie die Single „Reason Why“ (mit Gastgesang von Genre-Kollegin Kim Petras) und „Live In My Truth“, eine mehrminütige New-Age-Odyssee namens „The Dome’s Protection“ und Blockbuster-Pop wie „Exhilarate“, den so seltsam knackend und blubbernd nur Sophie erschaffen konnte.
Doch in diesem überaus umfangreichen Werk gibt es auch Momente, die einen aus dieser andächtigen Feier herausreißen. Tracks, die wie Skizzen anmuten, wie die ziellos vor sich hin stampfende Single „Berlin Nightmare“. Oder „Do You Wanna Be Alive?“, das unentschlossen zwischen Electronica und EDM schlirrt, ohne sich ganz einem der beiden Pole hinzugeben. Songs, denen Sophie auf einem herkömmlichen Album wahrscheinlich noch mehr Leben eingehaucht hätte.
Diese Momente sind zum Glück die Ausnahme. Im besten Fall kann ein Album wie „Sophie“ schlichtweg eine letzte Gelegenheit darstellen, der Kunst dieser visionären Künstlerin ein letztes Mal zu lauschen. Mit „Always And Forever“ können wir hier schließlich einen ihrer besten Songs hören, dessen bittersüßer Glitzer-Pop nahtlos an Sophies emotionalen Meilenstein „It’s Okay To Cry“ anschließt. „And as the years go by / You’ll still be by my side“, singt Gastmusikerin Hannah Diamond, die Gefühlslage des gesamten Albums zusammenfassend. Musik, über die man sich eigentlich noch so viel mehr freuen können müsste.
Veröffentlichung: 27. September 2024
Label: MSMSMSM / Transgressive
