Shy Boys – „Bell House“ (Album der Woche)

Shy Boys – „Bell House“ (Album der Woche)

Shy Boys – „Bell House“ (Polyvinyl Records)

Legt man „Bell House“, das Debüt von Shy Boys, auf, dann schallen einem zuerst sanfte Handclaps und fünfstimmiger Gesang entgegen. Harmonien, die klingen, als würden einem Brian Wilsons Beach Boys direkt in Richtung Strand entführen wollen. Doch Shy Boys können wahrscheinlich gar nicht surfen: Die fünf Musiker stammen nämlich aus Kansas City, tief im US-amerikanischen „Heartland“, dem Teil des Landes, der keinen Ozean berührt. Den BewohnerInnen dieses Mittleren Westens sagt man oft eine gewisse Bodenständigkeit und Bescheidenheit nach. Dementsprechend singt diese Band auch nicht über Mädchen und Meere, sondern über Hunde, Freundschaft und die Tatsache, dass der größte Champion manchmal die eigene Mutter ist.

„Bell House“ ist nicht nur der Name dieses Debütalbums, sondern auch der Name einer entlegenen Waldhütte im Umland ihrer Heimat. Hier lebten die fünf Bandmitglieder als chaotische Patchwork-Familie dicht aufeinander. „Es war ein blühendes Ökosystem“, so Haupt-Songwriter Collin Rausch über die Hütte, deren Hinterhof von bis zu zwei Meter hohem Unkraut überwuchert war. Was nach langbärtiger Hinterwäldler-Hippie-Idylle klingen mag, war in der Realität aber etwas unromantischer. Den Küchenboden zierte ein gigantisches Loch, das nur von einer dünnen Schicht Sperrholz bedeckt wurde. Wie Rausch selber sagt: „Wir lebten im Müll.“

Berührende Alltags-Lyrik

Ähnlich wie das Haus, in dem sie komponiert wurden, sind auch die zehn Songs von „Bell House“ von vielschichtigerer Natur, als die Oberfläche erahnen lassen würde. Die oftmals nicht länger als zwei Minuten andauernden Stücke sind von außen betrachtet optimistischer Power-Pop, eine Mischung aus den bereits erwähnten Beach-Boys-Harmonien und dem rumpelig verschrobenen Rock-Entwurf von Big Star. Doch trotz all der Dur-Akkorde und schnellen Rhythmen zieht sich eine subtile Melancholie durch dieses Album. „Can‘t keep up anymore / Having fun was so easy“, heißt es beispielsweise in „No Fun“.

Eine wichtige Gemeinsamkeit haben Shy Boys mit Robert Pollard, einem der größeren Indie-Helden des Mittleren Westens: Genau wie das Guided-By-Voices-Mastermind kann diese Band in kürzester Zeit große, empathische Geschichten erzählen. In „Take The Doggie“ beschreibt Rausch den ausgehungerten Nachbarshund, den er eines Tages vor seinem nachlässigen Besitzer retten will. „Your best friend needs somebody / What are you waiting for?“, lautet eine der schönsten Zeilen. Shy Boys garnieren diese berührende Alltags-Lyrik mit einfachen, aber wunderschönen Melodien. Der Mittlere Westen mag nicht so glamourös wie der kalifornische Strand sein – an Kreativität scheint in es den Wäldern des „Heartland“ jedoch nicht zu mangeln.

Veröffentlichung: 3. August 2018
Label: Polyvinyl Records

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