Slowthai – „Tyron“ (Album der Woche)

Bild des Albumcovers von „Tyron“ von Slowthai, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Slowthai – „Tyron“ (Interscope)

Tyron Kaymone Frampton ist ein Trapezkünstler. Beziehungsweise wäre er bestimmt ein sehr guter, wenn der Brite nicht hauptberuflich Rapper wäre. Seit seiner 2017 veröffentlichten Debüt-EP „I Wish I Knew“ balanciert Frampton, besser bekannt unter dem Namen Slowthai, meisterhaft zwischen zwei Polen: Einerseits ist er ein hochenergetisches Enfant terrible, das mit bombastischen Beats, hysterischem Flow für Angst, Schrecken und Furore sorgt – und dabei mit einem abgetrennten Pappmaché-Kopf vom Premierminister Boris Johnson herumwedelt. Andererseits ein sensibler, spitzfedriger Künstler, dessen Debütalbum „Nothing Great About Britain“ 2019 für den renommierten Mercury-Prize nominiert wurde. Frampton kann beides: Eskalieren und Nachdenken.

Im besten Fall sogar beides gleichzeitig, wie sein neues Album „Tyron“ beweist. Slowthai adaptiert hier die Struktur, die sein US-amerikanischer Rap-Kollege Danny Brown bereits 2013 auf seiner LP „Old“ demonstrierte: Ein zweigeteiltes Album, eine Hälfte Banger, eine Hälfte Balladen. Für Brown war das damals fast therapeutisch, ein Drama über Exzess und seine Kosten in zwei Akten. Für Slowthai ist es die logische Konsequenz eines Balanceakts, den er schon seit Beginn seiner Karriere ausübt. Die A-Seite besteht aus Attacken, deren Songtitel allesamt in konfrontativen Großbuchstaben festgehalten sind. Die B-Seite aus introspektiven Meditationen über Tod, Sucht und seine Heimat. Diese Songtitel sind demonstrativ kleingeschrieben.

Gleichzeitig Eskalieren und Nachdenken

So beginnt „Tyron“ mit „45 SMOKE“, mit rauchenden Pistolen und Schaum in den Mundwinkeln. Frampton klingt, als würde er vor seinem eigenen Beat wegrennen wollen – auf beste Art und Weise. Dieser Adrenalin-Rapper hört so schnell nicht auf: Die Beats von „CANCELLED“ und „VEX“ rasseln bedrohlich und mächtig, wie eine sich auftürmende Klapperschlange – ein angemessener Kontrapunkt für Slowthais um sich schlagenden Flow. Gastrapper Skepta reimt „Jodorowsky“ mit „Fugees“ und macht den Wahnsinn komplett. „Sometimes I feel like I’ve got my head in a blender“, rappt Frampton passenderweise am Ende der A-Seite.

Und dann beginnt die zweite Hälfte, mit einem sanft klimpernden Piano-Sample und Soul-Harmonien. Die hektischen Drums entspannen sich zu einem zurückgelehnten Groove. Und Frampton fokussiert seine Gedanken, während sie sich in die Vergangenheit bewegen: „A legend in the making, as a kid, I dreamed I’m Al Capone / We filled cracks of broken homes with broken dreams and broken bones“, rappt er in „i tried“. In „nhs“, einer Ode an den britischen National Health Service, klingt sein sonst so aggressiver Flow plötzlich fast altersmilde: „Try peelin‘ back layers to find meaning / Revealing what you’re given is all you’re needing.“ In „feel away“ sinniert er mit Unterstützung von James Blake und Mount Kimbie über Sterblichkeit.

Dieses Wechselspiel wirft interessante Schatten auf die jeweiligen Hälften. Die emotional komplexere B-Seite lässt den Exzess der A-Seite in einem anderen Licht scheinen. Wenn Frampton zu Beginn „This world is mine“ ruft, wirkt das plötzlich nicht mehr triumphal, sondern tragisch. Das ist der größte Zaubertrick, den Frampton hier demonstriert: Beide Seiten der „Tyron“-Medaille ergänzen sich zu einem großen, komplexen Ganzen.

Veröffentlichung: 12. Februar 2021
Label: Interscope

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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