Weyes Blood – „Titanic Rising“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Titanic Rising“ von Weyes Blood

Weyes Blood – „Titanic Rising“ (Sub Pop)

Über 20 Jahre nach seiner Veröffentlichung fällt es leicht, James Camerons „Titanic“ als ein mit romantischen Klischees überladenes Kitsch-Fest zu erinnern. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Der 1997 erschienene Film ist eine in mühseliger Kleinarbeit konstruierte Ode an die Macht der bewegten Bilder. Mit (im Vergleich zu heutigen Blockbustern) minimaler digitaler Effekt-Magie machte Cameron die populärste Seefahrtskatastrophe aller Zeiten greifbar. Wenn sich das Schiff im letzten Akt zu voller Größe auftürmt und im Meer versinkt, dann glaubt man wirklich, man ist ganz nah dabei. Das ist pure, martialische Kino-Magie.

Überlebensgroßer Art-Pop-Blockbuster

Dieser Moment gibt nicht nur Weyes Bloods neuem Album „Titanic Rising“ seinen Titel – auf ihrer vierten LP besingt Natalie Mering auch das emotional manipulative Potential des Kinos. „The meaning of life doesn’t seem to shine like that screen“, heißt es in der Single „Movies“. Die Leinwand und der Projektor sind für die US-Amerikanerin ein großer Verstärker, der das Leben in etwas Überlebensgroßes verwandelt. Das ist nicht immer etwas Gutes: Unzählige Romanzen (wie zum Teil auch „Titanic“) haben Generationen von Kino-BesucherInnen unrealistische Vorstellungen über zwischenmenschliche Beziehungen vorgelebt. „Man kann fest davon ausgehen, dass Filme uns verraten haben“, sagte Mering über „Movies“.

Die Musik von Weyes Blood kommt allerdings auch nicht ganz ohne Manipulationen aus – auf beste Art und Weise, denn „Titanic Rising“ klingt geradezu gigantisch. Songs wie der zwischen Burt Bacharach und Lana Del Rey oszillierende Opener „A Lot Has Changed“, das opulent barocke „Something To Believe“ oder das epische „Wild Time“ entfalten sich wie ein Kinofilm auf der Leinwand. Auf ein dramatisches Arrangement folgt das nächste. Vibrierende Streichquartette, wirbelnde Synthesizer, nostalgische Gesangsharmonien und Marching-Drums gehen Hand in Hand. Und über allem thront Merings dunkle Alt-Stimme, die einen als Hauptdarstellerin durch diesen Art-Pop-Blockbuster führt.

Veröffentlichung: 5. April 2019
Label: Sub Pop

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Yaeji – „What We Drew 우리가 그려왔던“ (Album der Woche)
    Homeoffice-House: „What We Drew 우리가 그려왔던“, das neue Mixtape der Produzentin Yaeji, ist eine freundliche Aufforderung zum Tanz, die aber auch in der Isolation wunderbar funktioniert. Das ByteFM Album der Woche....
  • Lewsberg – „In This House“ (Album der Woche)
    Repetitive Gitarrenlinien, gleichgültig dissonante Soli und ein bekiffter Fatalismus: Die niederländische Band Lewsberg erhebt auf ihrem neuen Album „In This House“ das Zerfasern gekonnt zum Konzept....
  • Avi Buffalo – „At Best Cuckold“
    Wer Elliot Smith und Conor Oberst schätzt, wird an Avi Buffalo seine wahre Freude haben. Die erhabenen, zauberhaften Melodien schlängeln sich um Texte mit Aussage, direkt in den Worten, aber immer um eine Ecke weitergedacht....


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.