Wunderschöne Provokation: 50 Jahre „Transformer“ von Lou Reed

Cover des Albums „Transformer“ von Lou Reed, das im November 2022 50 Jahre alt wird

Das ikonische Cover von „Transformer“

Wir schreiben das Jahr 1968 und hören die vielleicht hässlichste Musik, die bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht wurde. Die Hammondorgel klingt, als hätte jemand die normalerweise so charakteristisch schön vibrierenden Leslie-Lautsprecher mit einem Küchenmesser massakriert. Die Gitarren schaben aggressiv am Trommelfell. Die Drums klingen so, als würden sie von ihrer Meisterin mit einer Schubkarre über einen langen Pflastersteinweg gezerrt. Und der Sänger stammelt. Jauchzt. Jodelt. Inkohärente, notgeile Textfetzen wie „She’s sucking on my ding-dong“ setzen sich wie eine besonders unangenehme Zecke im Gehörgang fest. Und der Wahnsinn hört einfach nicht auf. Siebzehn Minuten lang. Der Song heißt „Sister Ray“, die Band The Velvet Underground, das Album „White Light / White Heat“ und Sänger Lou Reed.

Wir springen vier Jahre in die Zukunft. Der Anführer dieses musikalischen Schwerverbrechens veröffentlicht sein zweites Soloalbum. Und vollzieht darauf eine 180-Grad-Wende. Plötzlich ist er nicht mehr von der schrägen Bratsche seines alten Bandkollegen John Cale umgeben, sondern einem Orchester. Von Geigen, die mit Oldschool-Hollywood-Dramatik ihr gesamtes emotionales Potential ausschöpfen. Statt kratzender E-Gitarren und leiernder Orgeln bildet ein Konzertflügel das Fundament, auf dem die Oktaven mit maximaler Schmalzigkeit gehämmert werden. Diese Stimme klingt nicht mehr konfrontativ spätpubertär, sondern regelrecht pathetisch. Und das Ergebnis ist überhaupt nicht lächerlich. Sondern wirklich ergreifend. Der Song heißt „Perfect Day“, das Album „Transformer“ und wird am 8. November 2022 50 Jahre alt.

Wundersame Transformationen

Was ist in diesen vier Jahren passiert? Die – Entschuldigung – Transformation des US-Amerikaners vom Provokateur zum Pop-Star war nicht ganz so radikal, wie es die eingangs genannten Kontraste vermuten lassen würden. Nach dem legendär schranzigen Debüt „The Velvet Underground & Nico“ und dem experimentellen Nachfolger „White Light / White Heat“ wandelte sich die musikalische Grundstimmung von Reeds 1964 in New York gegründeter Band. Ihre 1969 und 1970 veröffentlichten letzten relevanten LPs „The Velvet Underground“ und „Loaded“ (das 1973 ohne die Beteiligung eines einzigen Gründungsmitglied entstandene „Squeeze“ ausgenommen) waren deutlich freundlichere Angelegenheiten, gefüllt mit zarten Pop-Songs und fröhlich groovendem Psych-Rock. Eine Tendenz, die Reed nach seinem Ausstieg 1970 in seiner Solokarriere fortsetzen sollte. 1972 veröffentlichte er sein selbstbetiteltes Debüt, das hinter seinen kommerziellen Erwartungen zurückblieb. Anstatt sich der Enttäuschung zu ergeben, legte er im gleichen Jahr direkt das nächste hinterher: „Transformer“.

„Transformer“ ist nicht das spannendste Lou-Reed-Soloalbum. Es ist nicht so kultisch verehrt wie „Berlin“ (1973) oder die Edgar-Allen-Poe-Variation „The Raven“ (2003). Nicht so ein Pop-Erfolg wie das 1974er „Sally Can’t Dance“. Nicht so ein Underdog wie „Ecstasy“ (2000). Nicht so radikal experimentell wie der 1975er Proto-Drone-Metal von „Metal Machine Music“. Und bei weitem nicht so polarisierend wie Reeds 2011er Metallica-Kooperation „Lulu“. Stattdessen kann es einen anderen Superlativ für sich beanspruchen: Es ist schlichtweg sein bestes Soloalbum.

Wunderschöne Provokationen

Von dem ersten gnadenlos catchy Gitarren-Riff von „Vicious“ bis zum nostalgischen Ragtime-Abschluss „Goodnight Ladies“ scheint sich Reed auf „Transformer“ darauf fokussiert zu haben, möglichst viele perfekte Pop-Songs auf eine LP zu quetschen. Und zeigt dabei eine große Vielseitigkeit: „Vicious“ ist messerscharf komponierter 60er-Jahre-Rock. „Andy’s Chest“, ursprünglich noch als Velvet-Underground-Song komponiert, ist genussvoller Art-Pop, der so auch von David Bowie hätte stammen können (kein Wunder, saß Mr. Stardust doch auch bei diesem Album als Produzent Mischpult). „Satellite Of Love“ ist ein zarter, wunderbar unironischer Pop-Song. „Walk On The Wild Side“, der popkulturell wahrscheinlich einflussreichste Song des Albums, ist gleichermaßen minimalistisch und bis zum Rand bepackt mit liebevollen Details.

Und dann ist da noch „Perfect Day“. Der gleichzeitig pompöseste und schlichteste Song in Reeds Œuvre. Textlich zeigt sich Reed als Autor, der pointierte Geschichten vom Rande der Gesellschaft erzählt – an dem alles bunter und aufregender ist als in der konservativen Mitte. Die Kantigkeit seiner frühen Tage ist ihm dabei nicht abhanden gekommen. Jeder Song dieses Albums ist eine Provokation gegenüber US-amerikanischer (und globaler) Spießigkeit. Nur verpackte Reed diese diesmal in dezidiert schöne Musik. Auf „Transformer“ stimmt nahezu alles.

Veröffentlichung: 8. November 1972
Label: RCA

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Diskussionen

Ein Kommentar
  1. posted by
    Annegret
    Dez 17, 2022 Reply

    Metamorphose. Anne muenstrr

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